Als mir nach der Sylvestertagung der Christengemeinschaft im Oberlinhaus in den Vogesen bei Colmar noch drei Tage Zeit blieben, bis das Tanzlager in Schopfheim begann, wollte ich mit einem Freund die Strecke durch Schnee und Berge bis in den Südschwarzwald aus eigener Kraft schaffen. Dabei hatte ich nicht nur gegen den Weg und die Natur zu kämpfen, sondern insbesondere gegen örtliche Behörden von beiden Seiten des Rheines.

Das Jugendlager der Christengemeinschaft hat auf wunderbare Weise gezeigt, dass Sylvester auch ohne Alkohol und Krach echt cool zu Freiern ist, einfach durch Tanz, Kreativität und besonders wegen der vielen netten jungen Menschen, die in dieselbe Richtung blicken, wie man selber. So kam es, dass noch lange gefeiert und getanzt wurde, bis alle immer müder wurden und sich die interessantesten Gespräche ergaben. So kam ich auch dazu, im Sylvestertaumel von drei Uhr nachts bis zum Morgengrauen meine Französischhausaufgaben zu machen, dank einer ganz netten französischen Helferin. Ob das nicht ein gutes Omen ist, für mein kommendes Abihalbjahr? Oder hat von euch etwa jemand ein Sylvester-Hausaufgaben-Ritual???

Todmüder Start ins neue Jahr

Aufgrund der erschwerten Bedingungen in der Nacht … kamen wir erst gegen Mittag los, obwohl ich und mein Freund Manu eigentlich früh morgens bereits Richtung Mulhouse aufbrechen wollten. Dennoch schafften wir, nach einem überhasteten Abschied von all den Tagungs-Chaotis, noch eine ganz schöne Strecke.

Ohne Karte und nur mit Kompass irrten wir durch die alten Frontlinien des Ersten Weltkrieges. Es war geschichtlich sicherlich interessant, doch gingen uns die ganzen Bunkeranlagen, Stacheldrahtverhaue und Soldatenfriedhöfe irgendwann ziemlich auf den Keks. Auf den Pässen war auch bereits Schnee; die steilen Straßen wurden glätter – als es mich dann auch noch der länge nach hinschlug und mir die Kälte immer tiefer in die Knochen kroch, fühlte ich mich wirklich wie ein Erster Weltkrieg Soldat – nur, dass ich statt Gewehr und Säbel eine Gitarre um den Hals trug und statt Munition am Gürtel einen Laptop, Abiturbücher und einen 567‑seitigen Schinken über die Philosophen seit der Uhrzeit, im 30‑kg‑Rucksack hatte.

Es war dunkel, als wir endlich unsere Ponchos (Regenmäntel) an einen Zaun knüpften, um darunter zu schlafen. Es pfiff ein eisig-nasser Wind, der meine Hände so gefühllos werden ließ, dass ich erst am nächsten Morgen meine blutende Hand bemerkte, die ich mir beim Feuerholzholen aufgeschlagen hatte. Mit Müh und Not gelang es uns aus nassem Holz ein qualmendes Feuer zu entfachen, das gerade so unsere Koschiportion Grießbrei gar werden ließ. (Koschi = Kochgeschirr)

Es muss gerade erst einmal sechs Uhr abends gewesen sein, als ich todmüde im Schlafsack einschlief und dabei auftaute.

Der schönste Morgen

Der Morgen war dafür der schönste meines Lebens. Als ich aus dem Schlafsack blinzelte, schien die strahlende Sonne auf meinen Rucksack, auf dem eine dichte Schicht Schnee lag. Der Himmel war blau und die Erde weiß. Der gefrierende Atem blitze in der Sonne, als wir die Ponchozelte abbrachen und alles in den Rucksäcken verpackten.

Völlig ausgeschlafen und wie vom Wahnsinn der Freude besessen, stratzten (eine extreme Form des Wanderns) wir durch die sonnig-weiße Bergwelt, durch die deutsch-klingenden Dörfchen und die Bauernhäuschen.

Wieder war es stockfinster, als wir, mit einer Funzel (dunkle, Billigtaschenlampe) bewaffnet, einen großen Kuhstall betraten. Etwas dreckig und verwahrlost war es in der großen Halle, aber sonst ahnten wir nichts, bis wir, hinter Strohballen verstaute Pferde fanden und plötzlich vor freilaufenden Kühen standen. Dennoch zwang uns die Kälte und Dunkelheit, einfach das Rundballenlager zu erklimmen und dort die Nacht zu verbringen.

Arschkalt

Noch war es dunkel, als wir aufwachten. Uns kam es vor wie unter den Hirten bei den Weihnachtsspielen: krrrrrg, brach die dünne Eisschicht, die sich durch die verdunstende Feuchtigkeit des Körpers auf dem Schlafsack gebildet hatte. Es waren 20°C unter dem Gefrierpunkt gewesen. Wir packten schnell und seilten unser Gepäck wieder von den Heuballen. Doch gerade vor dem Stall kam uns hinter einer Horde Hunde der schreiende Bauer nach. Zum Glück kann Manu kein Französisch, so konnte ich lügen, dass sich die Balken bogen, bis sich die Enden berührten, ohne dass Manu und ich uns widersprechen konnten. (Das ist immer das Gefährlichste beim Notlügen) Der Bauer musste einsehen, dass wir lediglich einen Fußweg gesucht hatten… (Sind Notlügen eigentlich, als Teil der friedlichen Selbstverteidigung, in unserem Grundgesetz verankert?)

Nur 70 km trampen …

Heute wollten wir Schopfheim erreichen und deswegen trampen, doch die Franzosen wollten nicht. Sonntags ist das Trampen immer schwer, und so kochten wir erst noch Mittagessen, bis uns der Erste mitnahm und uns mitten auf der Autobahn abstellte. „Hier fahren viele Deutsche, das wird sicherlich gut gehen“ war seine positive Prognose gewesen. Diese hegten wir, wie einen Glauben an Gott, während die hupenden Autos, mit Tempo 120 an den zwei Trampern auf dem Standstreifen vorbeibretterten.

Selbst als wir an der Auffahrt standen, hielt in der ganzen Zeit lediglich ein Auto, und das war so blau wie das blinkende Blaulicht auf dem Dach und fuhr außergewöhnlich zielstrebig auf uns zu. Mit einer Selbstverständlichkeit die an Selbstlosigkeit grenzte, durften wir einsteigen mit dem Versprechen, an eine bessere Stelle gebracht zu werden. Nur die Pässe mussten wir der Polizei überlassen. An einer gottverlassenen Landstraße über den Rhein war aber die Selbstlosigkeit der Gendarmerie am Ende. Jeder von uns sollte 11 Unzen (€) bar und sofort auf den Tisch legen, für den Trip im blauen Partybus. Tja, um nicht in einem Büro irgendwo in Mulhouse zu landen, blieb uns wohl nichts anderes übrig, und bald standen wir alleine im Nirgendwo. Eine Ewigkeit mussten wir wandern, bis uns ein altes rundes Mütterchen die letzten Meter nach Deutschland brachte.

Manuel war schon ganz schön fertig, und unsere Daumen fielen quasi von der Hand. Während er eine Pause machte, suchte ich nach Mitfahrgelegenheiten auf Raststätten doch als ich zurückkam war Manu schon weg, und ich konnte gerade noch mein Gepäck vor äußerst interessierten Jugendlichen retten. Ein deutscher Spießbürger hatte aber bereits die Polizei alarmiert, und so hatte ich nochmals eine nette Unterhaltung, diesmal in deutscher Sprache. Nach einer Personalienaufnahme durfte ich jedoch meine Reise fortsetzten. Dem Spießbürger bin ich dennoch zu großem Dank verpflichtet.

In einem noblen Auto wurde ich dann von einem deutschen Mann und einer afrikanischen Frau, ein Ehepaar, welches sich als eine wandelnde Bibel entpuppte, auf einer wunderschönen Fahrt durch den tief verschneiten Schwarzwald, nach Schopfheim gebracht. Nach dieser überlangen Bibelstunde – Verzeihung: Autofahrt – kam ich dann, Stunden nach Manu, endlich auf der Tanztagung an!

Eine coole Aktion war das sicherlich.

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