Gerade ist der Euroliner-Bus nach Ulm abgefahren und hat die Lotta mitgenommen. In den vorigen knappen zwei Wochen sind wir nach Paris getrampt um dort ein Film zu drehen. Wie Geschwister waren wir also in den kleinen Pariser Straßen, an den Touristischen Plätzen und haben uns zum Schluss sogar bis in die Vororte im Norden von Paris vorgewagt. Die Zeit ist jetzt leider vorbei, noch eine Woche bleibe ich alleine in dieser großen Einsamkeit, dann komm ich hoffentlich mit einem schönen Film wieder zuhause an.

In Paris wird man nicht einfach angesprochen oder angelächelt. Obwohl man von 10 Mio. Menschen umgeben ist, fühlt man sich einsam. In der überfüllten U-Bahn schaut keiner den anderen an, jeder denkt für sich, lebt für sich und ist mit eigenen Sorgen beschäftigt. Das Gefühl für andere Menschen wird unterdrückt, es herrscht eine lebensmüde Stimmung, besonders zur Rushhour.

Daneben gibt es die Touris, die von einem Ort zum nächsten hetzten und überall von Straßenhändlern angegriffen werden, doch etwas zu kaufen.

Für Menschlichkeit hat hier keiner was übrig. Man unterhält sich in der russischen Tundra, an einem Tag, mit mehr Menschen über sinnvolle Dinge, als in Paris.

Doch um mit den Parisern in Kontakt zu treten, machen wir unseren Film. Eine Reportage für die Schule über Paris zu drehen, ist immer ein gutes Einstiegsthema. Selbst wenn nur ein Bruchteil der Angesprochenen dazu bereit ist, vor der Kamera ein Kurzinterview zu geben, so merkt man doch bei 90% der Passanten ein Aufleuchten in den Augen, weil auch sie sich freuen, nicht mehr einsam die Sehenswürdigkeiten betrachten zu dürfen, sondern sich auszutauschen, darüber ihr Wissen preisgeben. Oft wird einem dann erstaunliches erzählt, von erstaunlichen Menschen.

Natürlich erfordert dies Ansprechen immer Mut, doch am Ende des Tages freut man sich doch, nicht nur als Tourist irgendwo rumgehangen zu sein, sondern auch von den Menschen, die hier ihr Leben verbringen, eine Kleinigkeit mitgenommen zu haben. Außerdem kommt man so zu der ein oder anderen Einladung für die Nacht oder kostenlosen Eintritt zur „Grand Bibliothek de François Mitterrand“

Neben bei lernt man natürlich französisch (was zwischen uns beiden sonst immer wieder im Deutsch endet).

Das Erstaunliche aber war, dass die Menschen in den Vororten viel kontaktfreudiger waren als im kulturellen Zentrum. Hier sieht man oft die coolsten „Gangster“ einer Mutter den Kinderwagen die Treppen runtertragen. Noch erstaunlicher war aber, dass wir von den Jugendlichen zwischen 19 und 30 Jahren, die durch Respekt und Freundschaft oder durch Drogenhandel bereits einen hohen sozialen Status in ihrem Kartell erhalten hatten, vor Dieben gewarnt wurden, wenn wir unsere SWR‑Kamera aus dem Rucksack holten und zu filmen begannen. Sie warteten also nicht auf den günstigen Augenblick, uns die Kamera zu klauen, uns auszurauben oder umzubringen … sondern versuchten uns vor dem Übelsten zu bewahren. Sei es, weil sie einfach nett waren, und mit uns armen Touristen Mitleid hatten oder weil sie nicht wollten, dass wir die minderjährigen Drogendealer, Junkies und Shisha-räucher filmten. Genau die Gruppe, vor der wir am meisten Angst hatte, gab uns also diese guten Ratschläge. Bisher sind wir auch auf keinen dieser „Gangster“ gestoßen.

Gibt es sie, die Aggressiven, überhaupt? Was uns in den Interviews immer gesagt wird und was wir selber gemerkt haben ist, dass es echt eine Minderheit ist. So gut wie alle gehen zur Schule, viele machen das Abitur und es gibt auch wirklich Reiche hier. Auch ist die Kleidung sehr modern und sieht gut aus. Fahrkarten kauft hier aber niemand, alle fahren schwarz und im Vergleich zu Paris und Deutschland sind diese Vororte doch etwas „verratzt“. Da hat sich zwar schon viel gebessert und es wird auch viel renoviert, doch die großen „cités“, mit den von Wäsche überfüllten Balkons und der sonst absolut gleichen, riesigen Fassade, von der der Putz krümelt, hinterlässt doch einen recht tristen und gefährlichen Eindruck.

Journalisten sind hier äußerst ungern gesehen. Das liegt daran, dass die Ausschreitungen 2005 und 2008 in den Vororten von Paris verallgemeinert wurden. Die Medien stellten den Konflikt als global für alle „Schwarzen der Vororte“ gültig dar, dabei waren es nur eine Minderheit. Erst kürzlich kamen wir in einen Konflikt mit der Gang, als wir den endlosscheinenden Markt von „Sarcelle“ filmen wollten. Da hilft dann nur sich mit äußerstem Respekt zu entschuldigen. Es ist ein heißes Pflaster, doch nicht grundlos gefährlich, es kommt nur auf das eigene Verhalten an.

In Sarcelle im 95 Département (der nördlichste Vorort, der von den Medien als der Gewalttätigste verschrien wird) hat durchaus ein kulturelles Leben. Es gibt zwar dort kaum Arbeitsplätze, aber die Menschen sind entweder in Paris oder am Flughafen außerhalb von Paris als Sicherheitsbeauftragte beschäftigt. Sarcelle ist auch ein riesiger Vorort. Vor einigen Jahren gab es dort Bandenkriege zwischen den Vierteln – mit Waffen und Verletzten. Doch inzwischen sind die „Gangster“ groß, haben Kinder und Familie. Mit einem dieser ehemaligen Banden konnten wir uns sogar treffen. Inzwischen sind sie eine Rap-Band geworden. Sie nennen sich „23 Abmbiances“ und ihre Lieder sind großteils über das Straßenleben in Sarcelle.

Das erstaunliche an dieser Gruppe ist die innere Stärke. Auf einem Treffen, bei dem wir mit dem Rapper „ADS“ ein Interview führen konnten, hatte es nur einer nötig zu kiffen. Das ist für Vorortverhältnisse absolut wenig. Ein anderer trank weder Alkohol noch rauchte er Zigaretten und das aus Überzeugung. Hier gilt auch, wer was erreichen will, nimmt die Drogen zum Handeln, nicht zum Kiffen. Da kam sich die arme Lotta doch ganz schön verlassen vor, mit ihren Zigaretten.

Den ersten Rat, den der Rapper an die Jugendlichen in Sarcelle gab, war in die Schule zu gehen und das Abitur zu machen, auch wenn Lehrer zu einer handfesten Ausbildung raten! Dennoch fühlte man deutlich den „Ghethostyle“: Goldketten, fette Autos, und auch sonst absolut cool.

Was wir hier merken ist, dass nicht jeder Schwarzfahrer, Drogendealer oder sonstige Arbeitslose gleich ein böser Mensch ist. Es kommt auf innere Werte an. Alle dort wahren Respekt, und wer diesen auch wahrt, wird sich in Sarcelle wohler fühlen als in Paris.

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