Brasilien ist in Deutschland bekannt für Fußball, Caipirinha und strahlende Palmenstrände. Seit gut zwei Monaten bin ich nun schon als Freiwilliger für ein soziales Jahr in Brasilien habe bisher aber hauptsächlich Fußball und Caipirinha kennengelernt. Denn in der Peripheriegegend der 20 Mio. Stadt São Paulo sind Fußball und Feiern zentrale Lebensinhalte. In einer Einrichtung, die für Kinder und Jugendliche einer Favela (Slum) Bildung, Kultur und Sozialentwicklung ermöglicht, wurde ich herzlich als Cellolehrer und Hortleiter aufgenommen. Meine ersten Erlebnisse im Land der strahlenden Palmenstrände möchte ich nun beschreiben.

Ich besteige das Flugzeug zum Nachtflug von Frankfurt nach São Paulo. Zu meiner Linken liest ein Mann die Frankfurter Rundschau. Alles um sich herum; Fahrgäste, Sicherheitshinweis und Filmprogramm, scheint er ausgeblendet zu haben, er ist nur auf sich und die Zeitung fixiert. Ganze dreimal während des 10-Stunden-Fluges lässt er sich von der Stewardess bedienen. Ansonsten würdigt er weder ihr noch mir, noch sonst irgendetwas auch nur einen Blick. Die Armstütze zur Hälfte für mich freigelassen, auch wenn ich sie gerade gar nicht brauche. Für mich ist klar, ihn sollte ich erst ansprechen, wenn das Flugzeug oder die New Yorker Börse abstürzt. Ein deutscher, routinierter Vielflieger.

Noch bevor ich mich gesetzt habe, fragt rechts von mir ein 35-Jähriger und gut gebräunter Schlipsträger in akzentreichem aber gutem Englisch, wie es mir geht. Ich brauche einen kurzen Augenblick, um mich einerseits an den neuen Akzent zu gewöhnen, andererseits, um mich zu vergewissern, dass wirklich ich gemeint bin. Als der Typ mir aber freundlich in die Augen blickt und kein Zweifel mehr besteht, antworte ich höflich. Statt, dass der Small Talk nun zu Ende wäre, halte ich seine kräftige Flosse in der Hand und mache Bekanntschaft mit Roberto, dem brasilianischen Ingenieur für Kühlaggregate, Pendler zwischen Deutschland und São Paulo. Vom routinierten Starrsinn fehlt ihm aber jede Spur. Klar weiß er, wo Notausgänge und Schwimmwesten sind, dennoch erfreut sich der Familienvater an dem Sicherheitstanz, nachdem er kurz die Attraktivität der Stewardess erwähnt hat.

Während ich von meinem routinierten Vielflieger zu meiner Linken kein einziges Lächeln, geschweige denn einen Gruß erhasche (obwohl er immerhin meine Muttersprache spricht), so ist das Gespräch mit Roberto schon in vollem Gange. Quasi gleich nach der Begrüßung hat er meinen Beziehungsstatus abgefragt. Etwas überrascht über die direkte Art, antworte ich zögernd und undeutlich. Die Antwort scheint für ihn auch nicht maßgebend zu sein, klar ist, ich brauche eine brasilianische „Namorada“ (Freundin) denn brasilianische Frauen seien die Schönsten. Für kurze Zeit sinkt unsere Konversation auf ein Niveau, das ich in Deutschland nur vom Trampen mit Lkw-Fahrern kenne. Zurückhaltend und etwas zögernd frage ich den vor 10 Minuten noch Unbekannten über seinen Beziehungsstatus. Ganz klar ist seine Antwort auch nicht, aber nicht aus Gründen der Schüchternheit. Auf jeden Fall hat er ein paar Kinder, welche sogar eine Privatschule besuchen, was in Brasilien sehr teuer ist. Er hat auch eine Frau, doch gesteht er mir lobend ein, dass er deutsche Frauen manchmal auch recht attraktiv findet.

Es ist ein ruhiger Mann, viel beschäftigt, und gehört zu der oberen Mittelschicht. Ein gediegener Wohnstandard ist in Brasilien sehr teuer. Kurz beschreibt er, auf mein mehrmaliges Fragen über die Sozialpolitik im Land, dass Brasilianer viel zu viele Steuern zahlen müssten, wohingegen der Nutzen weder für die Armen, noch für Familien und Infrastruktur ersichtlich sei. Doch Meckern ist nicht seine Art und Politik interessiert ihn kaum. Unser Gespräch führt bald zum Thema Reisen in Brasilien, welche Strände am schönsten sind. Er kennt sich aus mit Reisen, weiß auch, wie es ist, in eine neue Kultur zu kommen. Dann bringt er mir ein paar wichtige Wörter anhand der spärlichen Flugzeugkost bei: „Arroz e feijões“ (Reis mit Bohnen, das es hier in der Peripherie zu jedem Mittagessen gibt) Löffel, Teller, Serviette (Servietten bestehen in Brasilien aus nicht saugfähigem Papier).

Er betrachtet seine Umwelt aufmerksam, was um ihn herum geschieht, wer kommt, wer geht. Lässt hin und wieder ein Kommentar zu weiblichen Fluggästen fallen. Das Ende des Gesprächs ist schließlich der Fußball, da auf dem Flugzeugbildschirm gerade alle Tore der WM im Schnelldurchlauf zu sehen sind. Das Thema Fußball hat mich noch nie interessiert, selbst die WM habe ich nur halbherzig verfolgt. Doch Roberto kennt die deutsche Nationalelf besser als jeder mir bekannte Fußballfan je zuvor. Er kennt die Stärken und Schwächen der Spieler, erklärt mir die deutsche Fußballtaktik, lobt sie. (Ich hatte bis dahin schon vergessen, dass wir auf dem dritten Platz waren.) Hin und wieder nicke ich so vielwissend, wie ich nur kann.

In einer kurzen Redepause schläft er ein. Entspannt und schnell. Ich bin etwas überrascht, doch er wacht erst wieder auf, als wir gelandet sind. Er hilft mir bei den Formularen für Zoll und Einreise und unsere Wege trennen sich, als ich mich in die lange Schlange der „foreigner“ einreihe und er durch die freien Schalter für brasilianische Staatsbürger huscht.

Der Nachtflug ist um 5 Uhr morgens in São Paulo angekommen. An diesem 16. August ist es recht frisch, es ist Winter auf der Südhalbkugel. Aufgrund meines Rucksacks und der dicken Sporttasche, insgesamt 50 kg, verzichte ich aber auf einen Pulli. Stress wird in Brasilien vermieden, indem man einfach sehr viel Zeit einplant und so habe ich nun 5 Stunden Zeit zum anderen Flughafen zu kommen, wo mich ein Mitarbeiter der Sozialorganisation, in der ich für das kommende Jahr arbeiten werde, abholen wird.

Normalerweise kann man gegen Vorlage des Flugtickets kostenlos zum anderen Flughafen fahren, doch mein Lufthansa Ticket gefällt den Busfahrern nicht. In Brasilien gibt es im Vergleich zu Deutschland sehr viele Service Points, Servicepersonal und Berater, die sehr gerne weiterhelfen und so mache ich mich auf, zu einen von ihnen. Auch wenn ich außer Begrüßung und Vorstellung kein Wort Portugiesisch kann, möchte ich in Englisch die Busfahrt für mein Flugticket erkämpfen, um 30 Reais, ca. 15 € zu sparen. Bald merke ich jedoch, kein Mensch kann hier besser Englisch, als ich Portugiesisch. Die Angestellten hier scheinen aber unendlich Zeit zu haben, studieren mein Flugticket und erklären mir endlos, weshalb es nicht geht. Natürlich verstehe ich fast gar nichts, und mir ist es etwas peinlich, so viel ihrer Zeit und Geduld zu beanspruchen, doch für sie scheint das kein Problem zu sein. Sie haben reden gerne und freuen sich mit einem „Gringo“ (Fremden) sprechen zu können.

Ich kaufe das Ticket und komme im Strom des dicken Verkehrs, entlang von Sumpfgebieten, Favelas und Pannenautos in die 20 Millionen Einwohner Metropole, São Paulo, die größte und wichtigste Stadt Südamerikas. In meiner Einrichtung werde ich lebhaft begrüßt: Ein neuer Volu (Freiwilliger). Meine Kenntnisse der Begrüßung „tudo bem!“ werden rege gelobt. Eine Fremdsprache kann der Durchschnittsperipheriebewohner nicht.

Ich habe bereits einen Tag in Deutschland, einen ewigen, schlaflosen Flug und einen halben Tag in Brasilien hinter mir, da kommt die Einladung für eine Festa. Ich bin verwundert, gerade erst angekommen und schon erhalte ich eine Einladung für eine Party im anderen Stadtteil. Zum Vergleich dazu, vor einem Jahr, nach einem einstündigen Flug nach England, wurde von mir erwartet, dass ich mich für den Rest des Tages ausruhen müsse und während der ganzen zwei Monate im Inselstaat, wurde ich auf keine Party in eine Privatwohnung eingeladen. Doch hier schon am ersten Tag und es sollte kein Wochenende ohne mindestens eine Party vergehen. So bleibt mir jetzt auch nicht viel Zeit, in das Freiwilligenhaus einzuziehen. 36 Stunden wach und es geht auf meine erste brasilianische Festa.

In einer anderen sozialen Einrichtung wird ein Abschiedsfest für einen Freiwilligen gefeiert. Es wird typisch brasilianisch gegrillt. Bei dem „Churrasco“ bringt jeder Gast etwas Fleisch mit, salzt es ordentlich und ab auf den Grill. Ein Grillmeister kümmert sich darum, und sobald es zart und knusprig ist, holt er es vom Grill, schneidet es in kleine Würfel, wirft es in eine Schale Maniokmehl und lässt die Schale kreisen. Dazu kreist auch ein großes Dreilitergefäß, in dem zunächst Limonenstückchen zerquetscht wurden, dann etwa ein halbes Kilo Zucker drübergeleert wurde und schlussendlich mit dem, in Brasilien supergünstigen Caçhaca aufgefüllt wurde. Die Stimmung ist ausgelassen, laute Musik, alles tanzt.

Auch wenn ich hier keinen kenne, werde ich von allen begrüßt. Die Männer mit einem lockeren Handschlag, die Frauen mit einer Umarmung und einem geräuschvollen Kuss. Alle interessieren sich für mich. Manche bröseln ein paar Brocken Deutsch hervor: „Isch libe disch“, „Aschloch“ oder sogar „Heil Hitler“, über das ich jedoch nur schwer lachen kann. Es ist ein Riesenspaß, auch wenn ich nichts verstehe.

Brasilianer sind offen neuen Menschen gegenüber. Sie integrieren sie sofort in ihren feurigen Lebensrhythmus, sprechen mit ihnen, auch wenn sie nichts verstehen und die Partylaune versiegt nie. Roberto aus dem Flugzeug war keine Ausnahme, ich treffe fast nur Brasilianer dieser Art. Mit dieser offenen Art bleibt mir keine andere Wahl als mich zu assimilieren. Eine Integrationsdebatte, wie wir sie in Deutschland derzeit verfolgen, wird es hier, meiner Meinung nach, nie geben.

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