Genau wie viele Indianer, die mit einer Mitfahrgelegenheit flussabwärts nach Manaus kommen, aber kein Geld haben, um zurück in ihre abgelegenen Stämme zu reisen, sitzen auch wir noch in Manus fest. Es wird Zeit zu wissen, wie wir weiterkommen, doch Organisationstalente sind unsere indianischen Freunde wahrlich nicht. Dafür liegt im Warten ihre Stärke. Und warten tun wir jetzt auch, während Bu’ú über das Leben im Indianerstamm, über Reisen zu anderen abgelegenen Indianerdörfern und über das extrem harte Militär erzählt. Das Warten und Nichtstun hat sich gelohnt, denn genauso unerwartet wie plötzlich geht es los – nur weiß keiner wohin …

Diashow über die Hinfahrt nach Santa Maria

Indianerkinder in den Aldeias (abgelegene Indianerdörfer) sind es gewöhnt, früh aufzustehen. Teilweise um 3 Uhr springen die Pubertierenden in die Flüsse und „schlagen“ das Wasser, wie es auf dem Werbeviedeo zu sehen war. Ein Ritual, wodurch ein lauter, aber dumpfer Schlag entsteht und durch den ganzen Urwald schallt. Dabei machen die Mädchen eine andere Bewegung und ein helleres Geräusch als die Jungs. Traditionell gibt es natürlich kein Sonntag in den Indianerdörfern und so wird das erfrischende Morgenritual vom Kleinkind bis zum Mann jeden Tag, 365 Tage im Jahr gemacht. Bu’ú bemerkt lächelnd, dass in manchen Stämmen so früh gebadet wird, dass die Jungen kaum in die Pubertät kommen, die im morgendlichen Schlaf ausgebildet werde.

In diesem Fluss hat Bu’ú uns gezeigt, wie man Wasser schlägt.

In diesem Fluss hat Bu’ú uns gezeigt, wie man Wasser schlägt.

Bu’ú erzählt heute sowieso gerne und viel über die Indianerstämme an den verschiedenen Nebenflüssen des Rio Negro bei São Gabriel. Für staatliche Forschungsreisen zu Fragen der Gesundheit und zur Verbreitung von Ausweisen in den Aldeias habe er bereits sehr viele und spannende Reisen auch zu abgelegenen Stämmen gemacht. Finanziert vom Staat natürlich, denn reisen mit dem Boot ist im Amazonas sehr teuer.

Im Vergleich zu anderen Gegenden beschreibt er seine heimatlichen Stämme am Rio Tiqué, die wir besuchen wollen, als sehr friedlich und kulturell offen. Vielleicht könnte ein Grund dafür sein, dass der Rio Tiqué einer der ersten Flüsse war, den die Missionare schon bald nach der Erkundung „einnahmen“. Viele Stämme ließen sich recht schnell bekehren. Der Hauptgrund sei meist der Sonntag gewesen, der eingeführt wurde. Ein weiterer Grund wären die Feste der Kirchen. Nach den Gottesdiensten sei es dort bis heute noch üblich, dass die Kirch Bier ausschenkt, natürlich nur an die, die auch am Gottesdienst teilgenommen haben. Mit noch etwas geistiger Information – die ich hier als mittelalterliche Gehirnwäsche bezeichnen möchte und die gerne in den kirchlichen Dorfschulen verbreitet wird – schaffen es die „Geisteskonzerne“, wie zum Beispiel die 7-Tags-Adventisten, komplette Dörfer in die Kirche zu ziehen. In der „Revista Adventista“ von 2010, eine Zeitung der besagten 7-Tags-Adventisten, geht es nicht etwa um inhaltliche Werte sondern, auf 15 der 20 Seiten, um den Fortschritt der Missionierung, der Ausbreitung der Kirche und mit welcher Strategie diese erreicht wurde, bzw. zu erreichen ist.

Umso erstaunlicher, dass in Bu’ús Stamm, der Tukano am Rio Tiqué, der Glaube an den „Großen Geist“ noch lebe. Sicherlich gibt es auch dort einen Missionar und die Indianer lassen sich auch bekehren, doch ebenso schnell, wie der Missionar das Dorf verlässt, vergessen sie auch das Christentum wieder. Der Sonntag habe sich dort noch nicht durchgesetzt. Eben sowenig wie die seltsame Angewohnheit, bei der schwülen Hitze irgendwelche Kleider zu tragen. Wenn es hochkommt, tragen die Erwachsenen einen Lendenschutz.

Stämme, welche nicht an befahrbaren Flüssen leben, sind dagegen noch viel wilder und freier und es gibt dort weder Pass noch Impfung, was sonst das Erste ist, was die FUNAI in einem neu entdeckten Stamm macht. Eine solche Region gibt es an der Columbianischen Grenze. Zu den Militärstützpunkten und FUNAI-Außenposten (FUNAI = Indianerschutzorganisation der Regierung) geht niemand freiwillig. Wer dort arbeitet, bekommt ein besonders hohes Gehalt und beim Militär kostenlos Alkohol und Drogen, wie uns Bu’ú aus seiner Militärzeit berichtet.

Als er aus seinem Indianerstamm in die Stadt kam, musste er sich zunächst einen Pass machen lassen. Dafür war die Voraussetzung für den damals 15-jährigen Indianerjunge, den Militärdienst zu absolvieren. Nachdem er noch 2 Jahre in Sao Gabriel Zivilisation kennenlernen konnte, (Portugiesisch, lesen und schreiben hatte er bereits im Indianerdorf gelernt) stieg er mit 17 ins Militär ein, wo er die extreme Grundausbildung im Urwald durchmachen musste. Danach wurde als Kampfmaschine in der Einöde eingesetzt, um Drogenbanden aus Kolumbien, Venezuela und Ecuador abzuhalten und die Drogenmafia auch dabei zu hindern, Jungs aus den Indianerdörfern zu entführen und für den Drogenhandel auszubilden. Er selber, nachdem er im Stamm und in der Kaserne keinen Alkohol trinken konnte, hatte dort, an den einsamen militärischen Außenposten, den ersten Kontakt und missbrauch von Alkohol erlebt, da starker Alkohol mit den Militärflugzeugen kostenlos angeliefert wurde und große Saufgelage gemacht wurde. Nach eigenen Angaben hat er aber die weiteren Drogen, die sie dort viel und kostenlos bekamen, nicht genommen.

Wenn Bu’ú vom Militär erzählt, flackern seine Augen, während er bildlich vormacht, wie man im Urwald Menschen anschießt oder mit bloßen Händen das Genick bricht. Wie bei allem, was er über Zerstörung und Ungerechtigkeit gegenüber seinem Volk erzählt, lacht er dabei, wie über einen komischen Witz – wie ein Offizier sich über seine Traditionen lustig machen könnte. Nach seinem Glauben an den großen Geist und die Energie der Gedanken darf er sich aber Wut oder Hass nicht erlauben. Denn mit negativen Gedanken könnte er einen anderen Menschen krank machen, oder gar sterben lassen. Doch er möchte nicht der Mörder sein. Er möchte Schwarze Magie nicht nutzen.

Unbeliebt sind die Posten an der Columbianischen Urwaldregion deswegen, weil der Kontakt zu den Indianern so schwierig ist. „Du sollst nicht töten, du sollst nur eine Frau haben“ etc. kennt dort keiner. Frauen lässt die FUNAI dort ohnehin nicht unbewaffnet hin. Hier lebt, wer Freund des Stammes ist, und jeder Mitarbeiter staatlicher Organisationen und jeder Christ, fürchtet dort in Ungnade zu fallen. Dabei ist die Begrüßung herzlich, man bekäme unendlich zu essen, auch wenn es für den ungewohnten Magen schwer bekömmlich ist. Hinterm Baum muss man den Magen wieder entlehren, um weiter zu essen, denn Essen ablehnen darf man nicht. Wer es dennoch tut, bekommt zum Abschluss ein leckeres Stückchen Frucht und das war dann gleichzeitig auch der Abschluss vom Leben. Denn eine solche Frucht in einem solchen Moment sei mit verschiedenen Giften präpariert.

Ein Kollege, mit dem Bu’ú diese Region bereiste, starb innerhalb von 15 Minuten. Die Ärzte der FUNAI hatten ihn gerade noch ins Boot tragen können, nachdem er die Frucht gegessen hatte und bereits Blut spuckte. Auch Bu’ú kam mit Blut im Stuhl zurück. Unnötig zu betonen, dass er dort nicht mehr hinwollte.

Kannibalismus soll es allerdings nicht direkt geben. Wozu auch? Der Urwald gibt genug Essen her. Es ist eher ein Ritual um die Seelen der Verstorbenen im Volk weiter aufzunehmen, denn vor Begraben oder einfach liegenlassen, haben die Indianer angst. Andere Stämme oder Mächte könnten die Seelen der Verstorbenen übernehmen würden. Tote werden meist verbrannt und deren Asche in Brot eingebacken oder mit anderen heiligen Kräutern zusammen rituell verspeist. Daher reisen Indianer auch generell nie alleine, weil sie immer einen Freund dabei haben möchten, der sie im Notfall aufisst.  Nur in Ausnahmefällen, auf Kriegspfad und Reisen sollen wohl Gefallene einfach so verspeist werden.

Doch dass sind die Erzählungen, die selbst in Manaus, wo nur Indianer leben, gerne überspitzt, als exotisch und spannend erzählt werden. Geschichten von unzivilisierten Stämmen sind Geschichten, wie aus einem fremden Land, denn die meisten Stämme sind viel friedlicher, erst recht heutzutage, wo es fast in jedem Indianerdorf eine Kirch gibt. Auffallend sind auch die christlichen Namen aller Siedlungen um den Rio Negro. Ansonsten erzählt man sich Schauergeschichten, wie man beim Kacken aufgrund der vielen Mücken in der einen oder anderen Region rumhüpfen muss, dass die kleinen Stecher nicht den Allerwertesten treffen. All solche Albernheiten hört man von jedem Indio.

Driiing… das Handy zerstört unsere lustige Erzählrunde. Bu’ús Onkel ruft irgendwo aus der Einöde im Urwald an. Dementsprechend schlecht ist der Empfang und Bu’ú versteht rein gar nichts. Dennoch ist klar, wir müssen los. Hektik bricht aus. Jeder packt was er meint zu brauchen in seinen Rucksack. Bei Bu’ú beschränkt sich das auf eine Hängematte und das, was er auf dem Leib trägt. Ab zum Bus Richtung Strandpromenade „Ponta Negra“. An der letzten Busstation raus und 3 Kilometer zu Fuß bis an einen Hafen für die vielen Privatboote der Flussuferbewohner. Fluss aufwärts braucht kein Mensch mehr ein Auto, stattdessen hat man Boote.

Der Hafen bei Ponta Negra und Cebola’s Boot.

Der Hafen bei Ponta Negra und Cebola’s Boot.

Cebola, der kleine runde Onkel von Bu’ú, dessen Spitznamen Zwiebel ist, empfängt uns mit einem kleinen Außenborder.

Ich kann mir gerade noch in einer der kleinen Hafenbuden einen Sonnenhut, ein paar Angelhaken und Angelschnur besorgen und schon verpacken wir die Rucksäcke unter einer Plane an der Spitze des Bootes. Ich habe ja keine Ahnung, wo es hingeht, genau wie alle anderen, die kein Tukanisch sprechen, die Stammessprache von Bu’ú, mit der er sich mit seinem Onkel verständigt.

Kein Mensch weiß, wohin es geht. Weg von Manaus und den Rio Negro hoch, so viel kann man sehen. Aber dennoch ist die Bootsfahrt schön.

Kein Mensch weiß, wohin es geht. Weg von Manaus und den Rio Negro hoch, so viel kann man sehen. Aber dennoch ist die Bootsfahrt schön.

Erst bei einer der schwimmenden Tankstellen, wo wir plötzlich 300 Liter Benzin bezahlen müssen, haben wir die Gelegenheit, zu fragen, wo es hingeht. Die Antwort jedoch ist objektiv als schwammig zu bezeichnen und so fahren wir einfach weiter: nach Santa Maria.

Eine schwimmende Tankstelle auf dem Rio Negro, wo wir überhaupt erstmal überlegen, wo es denn gerade hingeht.

Eine schwimmende Tankstelle auf dem Rio Negro, wo wir überhaupt erstmal überlegen, wo es denn gerade hingeht.

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