Als Gäste wollen wir gerne Bu’ús Vater bei dem Bau des Restaurants für Santa Maria helfen. Doch was können wir tun, ohne Vorwissen? Die schwerste Arbeit, die es gibt! Aus dem tiefen Urwald die Bündel von Palmenblättern, mit denen das Restaurant gedeckt werden soll, bis an einen Fluss schleppen. Doch der Weg ist weit und nur ein Trampelpfad durch Unterholz, zwischen Lianen und über Bäche und so müssen wir eine Nacht in einem Urwaldcamp verbringen.

Diashow über unsere Urwaldexpedition, Rio Preta und unser Vorort in Manaus.

Mit der Sonne stehen wir auf und frühstücken warme Brötchen mit dickflüssigem Kaffée, der schon fast zu lutschen ist aufgrund der karamellisierten Zuckermenge. Währenddessen treffen andere Arbeiter ein, mit denen wir nach dem Frühstück, im Boot etwas flussabwärts fahren und dann einen Seitenarm hoch. Sehr weit hoch. Bis aus dem Seitenarm ein grasbewachsener Fluss wird, von dessen Rand die umgefallenen Bäume ins Wasserragen und unser Boot von unten festzuhalten versuchen. Doch wir dringen weiter ein, in die unberührte Natur.

Die idyllisch einsame Bucht im Urwald, die wir mit dem Boot hochfahren.

Weiter oben müssen wir den Motor hochziehen, denn es wird zu flach, auf dem Grund kommen zu viele Äste und auf dem stillen Wasser schwimmt zu viel Gras. Wir steigen in das hüfttiefe Wasser und schieben das Boot neben uns her, bis der Fluss immer flacher wird und wir schließlich an Land können.

Zu Fuß geht es vom Fluss aus über diese Insel bis tief in den Urwald.

An den Wasserstraßen der Schlangen entlang geht es etwas hoch, bis wir tief in den Urwald eintauchen. Am Anfang ist es noch recht licht, doch schon bald kommen dicke Bäume, höher als es sie irgendwo in Europa gibt, von denen die Lianen runterhängen. Hier braucht man weder Sonnenhut noch Sonnencreme. Das Blätterdach lässt die Sonne nur nach an einzelnen Stellen in schmalen Lichtkegeln auf das untere Blätterdach treffen.

Das Sonnenlicht trifft nur noch vereinzelt auf den Waldboden. Die Machete wird dabei zum unabdingbaren Hilfsmittel.

Am liebsten würde ich auch T-Shirt und Hose weglassen, doch dafür gibt es zu viele Mücken. Hier weht nur ein schwaches Lüftchen und, da die Luft sehr feucht ist, fließt der Schweiß binnen kürzester Zeit. Doch immer wenn es zu heiß wird, lege ich mich in das kühle Wasser eines der roten Bäche, die wir hier alle gefühlten 100 m überqueren müssen. Trinkwasser braucht man genauso wenig mitzunehmen wie Wanderschuhe, denn diese trocknen zu langsam, wenn man so oft baden geht.

Nach einer guten Stunde kommen wir an unser Urwaldcamp.

Im Camp lassen wir unsere Rucksäcke und machen uns, nach einer kurzen Pause, noch einmal knappe zwei Stunden auf die Socken. Zunächst gehen wir einen „geöffneten Pfad“. Das bedeutet, hier ist schon Mal jemand gegangen und hat die Bäume abgehauen und Lianen abgehackt, so dass man gehen kann. Doch wie aus heiterem Himmel biegen wir davon plötzlich ab und schlagen uns mit den Macheten einen neuen Weg. Das ist harte Arbeit und ich habe schon lange die Orientierung verloren. Doch Bu’ús Vater scheint zu wissen, wo es langgeht und tatsächlich erreichen wir eine Stelle, wo es sehr viel von der gewünschten Palmenart gibt, die wir für das Dachdecken brauchen.

Bis die Arbeiter die Bündel gemacht haben, zeigt uns Bu’ú verschiedene Flecht- und Bastelarbeiten. Nebenbei bauen wir eine Schaukel aus einer Liane und gegen die Mücken entzünden wir aus trockenen Blättern ein großes Feuer.

Kreative Beschäftigung beim warten auf die Palmenbündel. Flechten von Hauswänden.

Dann endlich ist ein Bündel fertig. Was heißt endlich? Mit den Strapazen, die jetzt kommen, sollte es lieber nie fertig werden, doch die Palmen werden gebraucht. Die Arbeiter legen mir und Bu’ú die das erste Bündel auf die Schulter. Man ist das schwer, aber es lässt sich tragen. Jeder hat so knappe 30 kg auf den Schultern und jeder Ruck macht es noch schwerer. Jetzt gilt es ja nicht stark auftreten, was fast unmöglich ist, wenn es quer durch den Urwald geht. Schwitzend und schwankend stolpern wir über Wurzeln, rutschen Abhänge runter und balancieren über die schmalen Stämme, die über den Flüssen als Brücke dienen. Doch durch die meisten Flüsse laufen wir einfach durch. Von den Brücken fällt man mit der schweren Ladung sowieso in der Mitte runter.

Palmenschleppen im Urwald. Eine echte Strapaze nicht nur wegen der Hitze.

Die Ladung wird bei jedem Sprung schwerer und drückt auf die bloßen Schultern. Für den nächsten Tag nehmen wir uns Polster mit, doch bis dahin sind die Schultern schon so blau, dass ich mir das auch sparen könnte. Meine Augen kann ich nur noch in Schlitzen öffnen, da der Schweiß, der bereits meine ganze Kleidung triefnass gemacht hat, sonst in die Augen läuft. Nach einer guten halben Stunde legen wir die Last erstmal ab. Ich muss sofort ein Bad nehmen, mein ganzer Körper brennt vom Schweiß, der Hitze und der Anstrengung und das kühle Bad kommt wie ein Sprung ins Paradies.

Wir gehen noch mal zurück, um das Nächste zu holen. Auf dem Rückweg können wir uns gut ausruhen. Dennoch spüre ich diesesmal, als uns die Arbeiter die zweite Ladung aufladen, alle meine Knochen und besonders meine Schulter. Ich bin schon total kaputt und stolpere über Wurzeln, so dass mir die Ladung runterfällt und wir sie, jedes Mal nach einem erfrischenden Sprung ins Wasser, mühsam wieder auf die Schulter heben müssen.

Am Abend komme ich todesmüde im Urwaldcamp an. Es ist eine einfache Konstruktion aus einer großen Plane, die über einen Balken gespannt ist. Darunter werden an den abgesägten Baumstämmen die Hängematten befestigt und davor ist eine Kochstelle, auf der nun leckere Pampen gekocht werden.

Das Urwaldcamp wird eingerichtet. Links oben: das Dach aus Palmen über dem Feuer und rechts unten, unsere Hängematten, teilweise übereinander gespannt.

Das Urwaldcamp wird eingerichtet. Links oben: das Dach aus Palmen über dem Feuer und rechts unten, unsere Hängematten, teilweise übereinander gespannt.

Gerade als die Hängematten hängen, beginnt es zu regnen. Ein paar Arbeiter hacken schnell ein Bündel Palmenblätter ab und bauen innerhalb Sekunden mit Hilfe zweier Stöcke und einer dünnen Liane ein Dach über das Feuer. Sobald das fertig ist, verstehe ich auch die ungewohnte Hektik. Der Platzregen nagelt alles nieder und hätte sicherlich auch das Feuer im Nu ausgelöscht. Der über 30° C heiße Tag wird vom Regen nicht wesentlich abgekühlt dennoch verschwinden glücklicherweise durch den Regen auch die Mücken.

Die Nacht in der Hängematte wäre recht angenehm gewesen, gäbe es weniger dieser Stechsegler. Dummerweise hatte ich noch kein Moskitonetz und so verbrachte ich die erste Hälfte der Nacht in einer Autan-Wolke und, als diese verraucht war, eher wach als schlafend.

Doch die Nacht war auch nicht langweilig. Immer pfeifen Vögel oder Affen schreien und der Waldboden leuchtet mit kleinen weißen Punkten, eine Pilzart, die diesen geheimnisvollen Effekt herzaubert.

Unser Kampftrup mit Macheten verschwitzt im Wald: Tsubasa, Bu’ús Vater, Ich, Kenta und Bu’ú. (Chiara fotografiert)

Am nächsten Morgen geht es wieder los und den Tag verbringen wir mit den gleichen Strapazen. Von dem Zwischenlager, wo wir die Palmen am letzten Tag gelassen hatten, bringen wir sie, auf unseren blauen Schultern am Camp vorbei bis zum Fluss. Manchmal tragen wir sie über eine Stunde am Stück. Es ist eine Tortur, schmerzhafter als der erste Tag aber das Ziel vor Augen.

Der ganze Trupp Helfer nach getaner Arbeit im Wasser am ausruhen.

Nach einem schweren Tag holt uns ein Boot am Seitenarm ab und auf den Palmen geht es zurück ins Dorf. Total k. o. aber glücklich und voll mit neuen Erlebnissen. Das Tragen und besonders die Nacht im Wald waren einzigartig.

Auf dem Rückweg von getaner Arbeit. Glücklich und völlig fertig. Aber ein Erlebnis reicher.

Auf dem Rückweg von getaner Arbeit. Glücklich und völlig fertig. Aber ein Erlebnis reicher.

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