Ein schöner Tag kann auch einen enttäuschenden Anfang haben, den dann kann es nur noch aufwärtsgehen. Und unser 7. Januar ging richtig steil. Nachdem wir ein kostenloses Militärflugzeug verpasst hatten, standen wir etwas verloren an einem kleinen Hafen am Rio Negro, bis Hudson, der sympathischste Touristenführer der Welt, uns einen Trip über den Amazonas und in den Urwald bot. Ausgiebiges Mittagessen in einer touristischen Junglelodge inclusive!

Diashow eines außergewöhnlich normalen Touritrips

Obgleich die Weihenacht bereits zwei Wochen zurücklag, waren die letzten 5 langweiligen Tage in Manaus von einer angespannten Stimmung wie an Heiligabend, geprägt. Da die Boote zu voll und zu teuer waren, hatte Bu’ú sich seiner Militärzeit erinnert, dass in den Militärflugzeugen oft Zivilisten mitfliegen können. Die Idee klang gut, einfach und kostenlos uns so bin ich sofort zum Militärflughafen in Manaus gefahren und nach anfänglichen Schwierigkeiten, denn die ersten 5 Offiziere, die ich fragte, schickten mich als Ausländer gleich nach Hause, stieß ich auf ein einfacheres Organ und konnte meinen Namen problemlos in eine Liste eintragen und die gesamte Reisegruppe anmelden. Nur Abflugzeiten werden beim Militär geheim gehalten und auch die vielen hoffnungslosen Anrufe unsererseits, überspringe ich in diesem Bericht.

Der schwammige Tipp, dass ein Flieger auf der Piste wartete, ließ uns früh aufstehen, um kurz nach 8 Uhr am Flughafen zu erfahren, dass der Flieger gerade weg war. Ein paar unfreundliche Offiziere erzählten uns noch, dass wir ohnehin erst eine Genehmigung aus Brasilia benötigen … Ach, haltet doch einfach den Rand! (Deutsches Ausflüsterzeichen)

Tja, scheiße war’s. Solche Flieger gehen ungefähr alle zwei Wochen und da wir bis dahin bereits wieder in São Paulo wären, schleppten wir uns mit dieser Haltung zum nächsten Bus Richtung Rio Negro. Wir fuhren bis zur Endstation, wo von einem kleinen Hafen aus, Schnellboote für 4 Reais Touristen zur Mündung bringen, wo der Rio Negro und der Rio Solimões zum Amazonas werden. Ein Zusammentreffen der Wasser, bekannt unter „Encontro das Aguas“.

Ein Expressboot bringt Touristen zum „Enconrto das Aguas“. Berühmtester Punkt in Manaus.

Ein Expressboot bringt Touristen zum „Enconrto das Aguas“. Berühmtester Punkt in Manaus.

4 Reais sind weniger als 2 Euro. Für dieses weltberühmte Plätzchen ist ein wirkliches Schnäppchen, doch alle Kapitäne verlangten mindestens 2 Reais mehr. Im Grunde nicht der Rede wert, doch weil ich, mies gelaunt, gerade kein Bock hatte, als der reiche, blonde, europäische Touri zu gelten handelten Chiara und ich, auch um diesen Hasenschiss. Und wie so oft an touristischen Plätzen kam einer dieser Männer mit schleimigem Englischen, brasilianischem Akzent und der Anmache: „Ihr seht etwas verloren aus …“. Ich drehte mich bereits demonstrativ weg, da mir das echt noch gefehlt hat, aber Chiara, die ohnehin perfekt englisch spricht, hatte sich bereits voll einwickeln lassen. Und diesmal zurecht!

Vielleicht war er doch nicht so schleimig. Er lud uns ein, mit seiner Tourigruppe aus Europa und Australien, das Zusammentreffen der Wasser zu besichtigen und bis in ein Dorf am Amazonas mitzufahren. Nichts schöner als das. Mein Tiefpunkt war bereits überschritten.

Das Zusammentreffen der Flüsse. Links der dunkle Rio Negro und rechts der braune Rio Solimões (in unserem Sprachgebrauch Amazonas) die ab diesem Punkt 7 km nebeneinander weiterfließen und sich erst dann vermischen: im weltgrößten (und neuen Rechnungen zufolge auch dem Längsten) Flus: Amazonas.

Das Zusammentreffen der Flüsse. Links der dunkle Rio Negro und rechts der braune Rio Solimões (in unserem Sprachgebrauch Amazonas) die ab diesem Punkt 7 km nebeneinander weiterfließen und sich erst dann vermischen: im weltgrößten (und neuen Rechnungen zufolge auch dem Längsten) Flus: Amazonas.

Hudson, der Reiseführer, wusste einiges über die zwei Riesenflüsse, und als wir den Schnittpunkt der beiden Flüsse überfuhren, hielten wir die Hände ins Wasser, wobei wir den Wärmeunterschied der beiden Flüsse fühlten. Der langsamere Rio Negro ist viel wärmer.

In Careiro, auf der anderen Uferseite des Rio Solimões angekommen, fragte uns Hudson, auf mein Danken hin, was wir vorhätten. Tja, natürlich zurück nach Manaus, denn im Städtchen sei ja wenig zu machen. Darauf bot uns Hudson an, mit ihm zurückzufahren, er müsse lediglich eine Tourigruppe in eine Junglelodge begleiten und dort Mittagessen. Wie im Nebensatz schlug er vor, dass wir doch einfach mitkommen könnten.

In den endlosen Wiesen, die durch Rodung entstanden sind, halten einsame Farmer ihre Kühe, Schafe und Büffel, deren Milch (links unten) und Käse (rechts oben) sie ungekühlt in den Dörfern verkaufen.

In den endlosen Wiesen, die durch Rodung entstanden sind, halten einsame Farmer ihre Kühe, Schafe und Büffel, deren Milch (links unten) und Käse (rechts oben) sie ungekühlt in den Dörfern verkaufen.

Und während der nun folgenden Busfahrt durch das grüne Hinterland mit Largonen, Wald und Wiesen und der Bootsfahrt bis zur Junglelodge näherte sich meine Stimmung immer mehr dem Höhepunkt.

Zunächst ging es mit dem Bus über eine endlosgerade Teerstraße. Einmal hielten wir an, um Fotos zu machen. Ein deutscher Landschaftsarchitekt hatte Unmengen Kameraausrüstung dabei, denn er hatte es sich gegönnt, mit einem einheimischen Führer und einem Übersetzter für fünft Tage alleine in den Urwald zu fahren, um Fotos zu schießen. Die anderen Teilnehmer dagegen waren junge Leute von Asien bis Australien.

Die Straße war inzwischen zu einer Sandpiste geworden und, als selbst diese aufhörte, stiegen wir auf Boote um und fuhren auf grasbewachsenen Flüssen bis zur Junglelodge. Wir waren weit und breit die einzigen Menschen und hörten nur das Knattern unseres Motors. Am Ufer ziehen leise Adler, Störche und Fischerhütten vorbei, scheinbar unbeachtet, dass wir dort fuhren. Hier herrschten Frieden und Natur, die die Sinne zum Verweilen, Tauchen und Genießen einluden.

Die idyllische Bootsfahrt zum Urwaldhotel

Die idyllische Bootsfahrt zum Urwaldhotel

In der Lodge konnten wir tatsächlich ein vielfältiges Mal genießen und daraufhin die alte Tourigruppe, die ihre 4 Tage in der Einsamkeit bereits abgesessen hatte, zurück nach Manaus begleiten. Mit unseren Rucksäcken, die wir schon für São Gabriel gepackt hatten, ging es also zu Boot und Bus wieder durch die schöne Landschaft zurück in die Stadt.

Es war bereits 4 Uhr, als wir in Careiro ankamen und langsam vielen uns wieder Bu’ú und Kenta ein, die von vornherein auf das sichere aber teure Boot gesetzt hatten, um nach Santa Isabel zu kommen. Um 6 Uhr legt es vom Hafen São Raimundo ab. Innerlich begann bereits ein Wettlauf gegen die Zeit. Würden wir es schaffen bis 6 Uhr nach Manaus? Wenn nicht, beginnt das nächste Abenteuer: Wie finden wir Bu’ú und Kenta wieder? Alles gut, Hauptsache keine Langeweile.

Doch Boote wissen nichts von unserem Zeitdruck und gemütlich tuckern wir noch einmal über das weltberühmte „Encontro das Aguas“, die Sonne noch hoch am Himmel.

Endlich am Hafen, sehen wir ein, dass ein Bus nicht mehr in Frage kommt. Zu wenig Zeit. Und da setzt Hudson noch einmal an, für eine gute Tat. Er nimmt uns mit in seinem Taxi und, nachdem er gemütlich seine Abrechnung gemacht hat, während wir trotz Klimaanlage im Auto wie auf Kohlen sitzen, fahren wir zum Hafen.

Scheiße, ein dringender Blasendruck meldet sich bei mir, doch Chiara läuft schon Mal vor. Am Hafen suchen wir alle Boote nach Bu’ú ab und in letzter Minute entdecken wir ihn. Die Landungsstege sind bereits weg, doch wir schmeißen die Rucksäcke in seine Arme und springen, über den immer größer werdenden Spalt, auf das fahrende Boot, fahrend, den Rio Negro aufwärts.

Vollends glücklich, bei Sonnenuntergang als schwarzer Passagier auf einem Boot nach Santa Isabel.

Vollends glücklich, bei Sonnenuntergang als schwarzer Passagier auf einem Boot nach Santa Isabel.

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