Die entspannte Bootsreise über drei Nächte und drei Tage auf dem Rio Negro bringt uns gleich viel tiefer in den Urwald. Die Bootsfahrt ist vergleichbar mit einer transsibirischen Eisenbahnfahrt. Doch kurz die 3 Unterschiede: Wir liegen in Hängematten statt Stockbetten, beim Rausschauen träumen wir in den Regenwald statt in die russische Tundra und der Hängemattennachbar erfreut sich eines eisgekühlten Bieres statt eines warmen Wodkas. Wir erreichen schließlich das christliche Santa Isabell und verweilen fünf Tage auf einem einsamen Anwesen im Urwald. Die einen Einheimischen haben sich dem trostspendenden Nass gewidmet, die anderen, der indianischen Kultur und dem traditionellen Mandiokaanbau.

Diashow mit knappen 200 Bildern über Mandioka, Santa-Maria und Urwald

Die entspannte Bootsfahrt ist für Workerholiker ein Alptraum. Am zweiten Tag regnet es auch noch und aus Mangel an Lesefutter, wird es auch für Sonnendeckchiller ungemütlich chillig. Für mich ist es aber erst richtig entspannend. Auch der Kapitän hat nicht viel mehr zu tun und so komme ich nicht drum herum, die 180 Reais (ca. 90 €) für die Bootsfahrt auf der überfüllten „Genensis“ zu bezahlen.

Wir sind keine 100 km vom Äquator entfernt und bei Windstille ist es brühend heiß auf dem Boot. Nur die Nacht mit sternenklarem Himmel und dem Fahrtwind wurde dann doch etwas kühl. Da ich so ein heißer Typ bin, hat mir eine dünne Wolldecke noch ausgereicht, doch coolere Geschöpfe sollten mindestens einen Pulli mitnehmen.

Die gemütliche Bootsfahrt nach Santa Isabel. In der Hängematte liegen, in den Urwald träumen und die Sonne, das Wasser und den Wind genießen.

Die gemütliche Bootsfahrt nach Santa Isabel. In der Hängematte liegen, in den Urwald träumen und die Sonne, das Wasser und den Wind genießen.

Santa Isabell ist quasi das zweite Städtchen seit Manaus, wenn man die kleinen Siedlungen am Rio Negro außen vor lässt. Als wir es erreichen, warten wir zunächst am Strand, wo in der heißen Sonne und der starken Strömung gebadet wird. In den umgebenden Bars ist leider keiner mehr gesprächsbereit, auch wenn alle labern …

In diesem abgelegenen Städtchen, indem es ausnahmsweise keine Kaserne gibt, da es strategisch zu abgelegen ist, sind alle, außer dem Tankwart, die Bankmitarbeiter und die Ladenbesitzer alle arbeitslos. Klar, fischen, Holz sägen und Motorräder flicken, aber was nicht bezahlt wird, wird auch in unserem Sprachgebrauch nicht zur Arbeit gezählt.

Leider waren an diesem Sonntagabend alle Männer in Santa Isabell betrunken.

Leider waren an diesem Sonntagabend alle Männer in Santa Isabell betrunken.

Hier besuchen wir Fidelis, Indianer des Stammes Baniwa. Brasilien weit bekannt als „Fidelis Baniwa“. Ein alter Freund von Bu’ú aus Zeiten, in denen er an der Kunsthochschule in Manaus Ballett studierte. Genau wie Bu’ú ist auch er von der Schauspielerei angetan und hat bereits die Hauptrollen in zwei Filme zum Thema der Integration von Indianer gedreht. „Noite de testemoine“ (Night of Testimony) und „Mad Maria“ heißen die beiden Werke. Zuletzt war er für einen Wahlkampffilm der ersten Kandidatur des beliebten, ehemaligen Präsidenten Lulas in ganz Brasilien auf den Bildschirmen.

Abseits des trostlosen Lebens hat er im Urwald eine Sitiu von seinem Großvater geerbt, wo er traditionell Mandioka, Früchte und Gemüse der Ureinwohner anbaut und sich um Umweltschutz, insbesondere im Bezug auf Mülltrennung, bemüht.

Fidelis mit seiner Freunden in der Hängematte

Fidelis mit seiner Freunden in der Hängematte

In den kommenden sechs Tagen erleben wir hier hauptsächlich den traditionellen Mandiokaanbau und wie daraus Mehl, Tapioka, Kuchen und sonstige Leckerei gemacht werden. Hier wird noch traditionell ein Stückchen Urwald abgebrannt, worauf dann Mandioka, Obst und Gemüse angebaut werden. Alles ist noch Handarbeit, denn zwischen den dicken Bäumen und abgebrannten Baumstümpfen, kommt keine Maschine hindurch. Doch hier lernen wir jahrhundertealte Traditionen kennen und das Schöne ist, wir werden vollständig in die Arbeit integriert! Wir helfen mit, wo es geht und sind aufgenommen wie in einer großen Familie. Dazu haben wir Zeit durch den Urwald zu streifen, Pflanzen, Fische und Vögel kennenzulernen und in Wasserfällen zu baden. Es ist großartig und selbst die Mücken halten sich zu beginn noch ziemlich zurück.

Wer all dies sehen möchte, bucht am besten gleich nen … warn Witz: Natürlich habe ich viele Fotos mitgebracht und in der Diashow von 178 Bildern kann jeder ein Leben im Urwald erleben.

Zum Abschied habe ich meine alten Wanderschuhe dort gelassen, da sie viel zu schwer für den warmen Urwald waren, und habe meine Reise in Flipflops fortgesetzt. Der Arbeiter, der damit nun immer aufs Feld, die „Roça“, gehen wird, um zu arbeiten, war sichtlich glücklich, und wenn meine geliebten Ledertreter nicht schon von Ameisen zerlegt wurden, so schimmeln sie dort noch heute.

Mandioka wurde geraspelt und nun ausgequetscht. Am nächsten Tag wird sie auf den großen Platten getrocknet werden.

Mandioka wurde geraspelt und nun ausgequetscht. Am nächsten Tag wird sie auf den großen Platten getrocknet werden.

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