Eine Stadt, 2 Stunden Busfahrt weiter oben im Norden von Manaus, ist noch eine unbekannte Sehenswürdigkeit für uns. Presidente Figueiredo soll viele Wasserfälle haben. So machen wir uns auf und per Anhalter durch den Regenwald dehnt sich die Reise in unseren letzten Tagen in Amazonien unerwartet aus. Immer weiter Richtung Norden, immer fort auf der BR 174 durch unberührte Natur, immer gerade aus durch ein Indianerreservoir und dem Äquator immer näher.

Diashow über die Reise nach Presidente Figueiredo und fast bis zum Äquator

Bevor wir in 3 Tagen wieder zurück nach São Paulo fliegen, wollen wir noch etwas erleben. Hoch im Norden lockt Presidente Figueiredo mit wunderschönen Wasserfällen. Für 17 Reais (8 €) fahren Kenta, Bu’ú, Chiara und ich vormittags dort hoch und landen in einem kleinen Ort. Trotz dem dieser 300 km näher am Äquator liegt, ist es weniger heiß als in Manaus, wie wir von einem Polizisten bei einem Feierabendbierchen erfahren. Die heißesten und trockensten Regionen von Brasilien, besonders jetzt im Januar, sind auf der Linie von „Porto Velho“ und „Recife“ südlich vom Amazonas. Die typischen Surferparadiese und Touristenorte sind dort, wo es keine Regenzeit mehr gibt.

Karte vom Äquator, Manaus und Porto Velho. Recife ist das Surferparadies am Strand.

Karte vom Äquator, Manaus und Porto Velho. Recife ist das Surferparadies am Strand.

Direkt vor dem Busbahnhof von Figueiredo steht ein Hügel in Schildkrötenform. Darin befindet sich eigentlich die Touristeninformation, die aber gerade geschlossen hat. Doch Bu’ú kennt sich hier aus und so verlassen wir das kleine Städtchen entlang der Landstraße weiter Richtung Norden und kommen so zu einem schönen Park. Der Wasserfall ist zwar eher eine Stromschnelle, doch es ist ein Gaudi, wenn auch ein schmerzhafter, sich in die Fluten zu stürzen und etwas mitzufahren. Wer jedoch nicht aufpasst, schafft es nicht wieder rauszukommen, wenn ernsthafte Steine kommen. Mir reicht es nach dem ersten Mal und ich staune über die Jungs, die sich mit halsbrecherischem Vertrauen in die starken Fluten schmeißen und innerhalb von Sekunden weiter unten wieder aus dem Wasser kommen.

Chiara in den Stromschnellen.

Chiara in den Stromschnellen.

Zur Stärkung essen wir in einem gemütlichen Restaurant, mit Blick auf die Wasserfälle, Mittagessen und genießen daraufhin eine Mittagspause. Ich spanne meine Hängematten zum Dösen zwischen zwei Palmen und schaue runter auf den Fluss, wo die Jungs in die Fluten springen.

Wir müssen zurück in die Stadt, da Kenta und Bu’ú mit dem Bus zurück wollen. Chiara und ich sind uns noch nicht schlüssig, ob wir wirklich 17 Reais für eine langweilige Busfahrt ausgeben wollen.

Bis zur Stadt haben wir uns entschieden. Wir trennen uns von Bu’ú und Kenta und kaufen ein paar Brote und Kekse. Damit lassen wir uns auf einem ruhigen Parkplatz an der BR 174 nieder, wo zwar wenig Verkehr ist, aber fast jeder Lkw, der weiter nach Norden fährt, kurz anhält.

Die meisten bleiben hier über Nacht, da die kaputte Straße bei Nacht nicht befahren werden sollte. Jeder kennt hier jeden, denn die Lkws kommen alle aus Manaus oder Boa Vista. Woandershin gibt es gar keine Straße. Es ist familiär. Ein Fleischtransporter hat schon eine halbe Kuh gebracht, die nun gegrillt wird und alle Fahrer essen zusammen bei Bier, Gitarrenmusik und professionellem Billardspiel. Auch wir sind eingeladen, als gehörten unsere zwei Rucksäcke in die Kategorie der tonnenschweren Langstreckentransporter.

Trampen auf der BR 174. Hier gibt es zwar kaum Verkehr, dafür machen hier so gut wie alle Lkw eine Pause und wären bereit uns mitzunehmen.

Trampen auf der BR 174. Hier gibt es zwar kaum Verkehr, dafür machen hier so gut wie alle Lkw eine Pause und wären bereit uns mitzunehmen.

Doch wer die Straße besser kennt als seine Hühneraugen, nimmt nur kurz ein Bad und setzt die Reise fort. Ein solcher alter Hase nimmt uns auf seinem ungefedertem Bett mit, da er keinen Beifahrersitz hat. (In alten Lkw sind nur die Sitze gefedert, während die Fahrerkabinen direkt mit der Ladung verbunden sind, was uns bei den Schlaglöchern dieser Straße fast die Wirbelsäule bricht).

Es ist ein Flüssigbetontransporter, der an der ständigen Renovierung der Straße beteiligt ist. Diese ewig lange, wenig befahrene Straße durch Indianergebiet, bei deren Bau es viele Proteste und Tote aufseiten der Indianer gab, geht schneller kaputt als die Autos darauf fahren können. Streckenweise ist nur eine Fahrbahnseite schnell befahrbar, die andere gleicht dann einer Schotterpiste, so dass hier die Rechtsfahr-Regel nur von Bedeutung ist, wenn ein Lkw entgegen kommt. Der Regen wäscht die Fundamente weg, die schweren Laster fahren zu weit an den Rand, so dass dort immer mehr wegbröckelt und ständig sind mehrere Trupps von Arbeitern damit beschäftig, mit großen Baggern den Urwald von der Straße zurück in den Wald zu schieben und die Fahrzeuge aus dem Wald zu ziehen, deren Fahrer auf der geraden Strecke eingeschlafen sind.

Die BR 174, als einzigste Festlandverbindung von Manaus zu anderen Großstädten, führt größtenteils durch Indianergebiet. Geringe Nutzung und die hohen Erhaltungskosten machen die Straße eigentlich etwas sinnlos.

Die BR 174, als einzigste Festlandverbindung von Manaus zu anderen Großstädten, führt größtenteils durch Indianergebiet. Geringe Nutzung und die hohen Erhaltungskosten machen die Straße eigentlich etwas sinnlos.

Bis kurz vor Mitternacht schaffen wir es mit dem Betontransporter bis zur Einfahrt des Indianerreservoirs des Stammes „Waimiri Atroari“ im nächsten Staat „Roraima“, das bei Nacht nicht durchfahren werden darf. Wir halten auf einem Parkplatz, auf dem im schwachen Licht der Lkw-Scheinwerfer bereits viele Transporter zu erkennen sind. Als ich aus dem Lkw steige und meine müden Füße auf den Boden setzte, spüre ich, dass es hier bereits nicht mehr geteert ist.

Die Lkw Fahrer sitzen noch gemütlich zusammen, während ich meine Hängematte unter einem schlafenden Papagei im Gebälk des Vordaches aufhänge und trotz der vielen Mücken, einschlafe. Mitten in der Nacht wache ich jedoch auf. Der Vollmond erhellt den Wald und ich frage mich, ob nicht Mitternacht ist, da der Mond genau im Zenit steht und die Sonne ja genau gegenüber dem Mond sein müsste? Ich mache mich auf eine kleine Mondlichtwanderung entlang der Straße, um der Mücken zu entkommen, doch in den schwarzen Urwald traue ich mich nicht hinein. Zurück an der Hängematte nutze ich den Rest meiner Autan-Flasche als Ganzkörperdeo und schlafe wohl, bis mich die Sonne weckt.

Ein paar Hütten an der endlos geraden Straße von Manaus nach Boa Vista und davor Lkws, die im Matsch parken.  Das ist eines der abwechslungsreichsten Dinge, was die Fahrer auf ihrer 3 Tage langen Fahrt auf der BR 174 sehen.

Ein paar Hütten an der endlos geraden Straße von Manaus nach Boa Vista und davor Lkws, die im Matsch parken. Das ist eines der abwechslungsreichsten Dinge, was die Fahrer auf ihrer 3 Tage langen Fahrt auf der BR 174 sehen.

6 Uhr früh geht die Reise weiter, doch in einem Benzintransporter, der natürlich eigentlich gar keine Tramper mitnehmen darf. Während der ganzen Fahrt durchqueren wir immer das Indianergebiet, das sich bis über den Äquator erstreckt, wo Anhalten und Fotografieren verboten sind. Mittags erreichen wir eine Zollstation mitten im Reservoir. Hier muss unser Tanklaster ewig auf Zollkontrollen warten und so mache auch ich mich auf, eine Karte zu suchen, um zu sehen, wie weit es noch bis zum Äquator wäre. Doch Karten haben hier weder die Lkws noch die Zöllner. Es geht eh immer gerade aus und die drei Städte auf der Strecke werden sowieso nicht übersehen. Hier rechnet man in Tagen. Noch 1 Tag bis nach Boa Vista.

Wie weit es bis zum Äquator ist, will mir der Zöllner mit São Pauler Abstammung jedoch nicht verraten. Stattdessen will er erstmal mein Rucksack sehen. Er meint mich bereits zu kennen, da er in der Policia Federal arbeitet, wo ich einen schweren Prozess der Visaregistrierung erlebt habe. Für diese nutzlose Tat, einen deutschen Tramper durchfilzen, wird er von den anderen Zöllnern etwas belächelt, besonders als er meine Kamera, meinen Koschi und meinen Kulturbeutel inspiziert. Als er sich unverrichteter Dinge wieder hinter seinen Kontrolltisch setzt und ich meinen Rucksack wieder sortiert habe, ist er nicht gerade gesprächiger.

Ein Laden mit Kunsthandwerk in palmengedeckten Hütten neben den Warnschildern zur Einfahrt des Indianerreservoirs.

Ein Laden mit Kunsthandwerk in palmengedeckten Hütten neben den Warnschildern zur Einfahrt des Indianerreservoirs.

Doch mit den andern Zöllnern aus anderen Teilen Brasiliens unterhalten wir uns prächtig, während sie einfach alle Autos unkontrolliert durchwinken. Ich schwärme etwas über Brasilien und erzähle aus Deutschland, während die Zöllner uns Fruchtsäfte, Shakes und Obst bringen. Und je besser wir uns verstehen umso mürrischer wird der São Pauler Zollbeamte. Schließlich macht auch er den Mund auf. Er beschwert sich, dass wir Deutschen ja so einfach, mir nichts dir nichts, ein Visum für ein ganzes Jahr bekommen würden, während er seinen Fuß, nicht einmal für einen Tag, auf deutschen Boden setzten könne. Das stimmt so nicht entgegnete ich und weise darauf hin, dass er immer willkommen wäre und bisher Brasilianer noch Jahresvisum für Deutschland bekommen, während Deutsche nur noch für 6 Monate legal nach Brasilien können. Doch er findet Deutschland immer noch scheiße und kennt es nur vom Frankfurter Flughafen, wo er einen Gefangenentransport nach China begleitet hat.

Doch unverdrossen rede ich weiter auf ihn ein und lade sogar den Arsch der Visabehörde zu mir nach Hause ein und siehe da. Nach zwei Stunden Warten auf einen Lkw nach Manaus, wird selbst ein solcher Mensch ein dicker Freund. Statt, wie die letzten zwei Stunden, die Lkws einfach durchzuwinken, um uns die Möglichkeit zu nehmen, mitzufahren, hält er nun den nächsten Lkw nach Manaus einfach an und befielt dem Fahrer uns mitzunehmen. Bis nach Manaus. Tja, so ist die Policia Federal aus São Paulo: Ausländerfeindlich, störrisch und unfähig zu kommunizieren, doch wenn man sie auf seiner Seite hat, steht einem keine Bürokratie, kein Gesetz und keine Grenze mehr im Wege.

Bei Abenddämmerung erreichen wir nach guten 8 Stunden pausenloser Ruckelfahrt Manaus. Am Abend des nächsten Tages werden wir zum Abschied von einer Nachbarin eingeladen. Unerwartet entpuppt sich die Einladung zu einer Bibelstunde, zu der die gesamte Verwandtschaft eintrifft und gemeinschaftlich Gejammer, Gebetet und, wenn auch krumm, gesungen und geschrien wird. Als ich merke, dass ich mir das Lachen vor diesen „Jesuskranken“ nicht mehr verkneifen kann, verabschiede ich mich schnell und erst auf dem Weg zum Flughafen kriege ich mich wieder ein.

Zurück in São Paulo warten die Fahrgäste mit Decken auf den Bus. Wir sind zurück, so etwas wie zu Hause. Das Abenteuer hat mit einem schlag ein Ende und mit jedem Tag, der vergeht, wird die Erinnerung ein bisschen schöner.

Blick aus der Fahrerkabine in die schöne Natur des Indianerreservoirs im Regenwald des Amazonas.

Blick aus der Fahrerkabine in die schöne Natur des Indianerreservoirs im Regenwald des Amazonas.

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