Für 4 Wochen raus aus São Paulo und rein in den Regenwald. Da kann man fast schon von einer Migration sprechen. Darüber hinaus, obgleich beide Orte in Brasilien liegen, von einer Migration in eine andere Kultur, denn Amazonien hat einen ganz anderen Flair. Den Flair einer heißen Äquatorregion, eingeschlossen und isoliert von dichtem Regenwald, nur über Fluss und Luft zu erreichen. Ein Paradies der Früchte, Vögel und des Kunsthandwerkes, auf einer Insel der Gelassenheit.

Selbst in Sao Paulo haben viele noch angezweifelt, ob ich gesund zurückkommen würde. Die Gefahr vor Tiger, Löwen und Krokodile drohen in der grünen Hölle … All diese Tiere gibt es nur in Afrika und das grüne Paradies bezeichne ich als die lebensfreundlichste Region, die sich ein Mensch suchen kann. Doch die Vermutung der Paulistas zeigt, wie wenig Manaus und São Paulo voneinander wissen. Es gibt zwar Schlangen und andere Urwaldtiere, doch die sind, abgesehen von den Stechmücken, wovon es an manchen Orten wirklich zu viel gibt, sehr scheu. Ansonsten gibt es Wasser, Wärme und Wald ohne Ende. Wer dazu noch Hängematte und Moskitonetz mitnimmt, hat schon vollen Comfort im Urwald. Wer noch einen Angelhaken dabei hat und sich mit indigenen Gemeinschaften zusammentut, kann mit Fisch, Mandiokaleckerein und Obst alle wünschenswerten kulinarischen Höhepunkte genießen.

Der gewaltige Regenwald: Riesiege Bäume, alles ist grün und im Boden und auf den Bäumen leben unglaublich viel Tiere.

Der gewaltige Regenwald: Riesiege Bäume, alles ist grün und im Boden und auf den Bäumen leben unglaublich viel Tiere.

Auf meiner Reise verbrachte ich viele Tage in Manaus, der Millionenstadt inmitten von grünem Wald. Die Stadt des Fisches, der Früchte und dem Schmuck aus Samen, Knochen und Federn, in Handarbeit hergestellt von den indigenen Frauen, welche ihre abgelegene Dörfer an den Flüssen verlassen haben und damit ihre Stämme und deren Kultur. In dieser „Zone des Westens“ inmitten von Urvölkern spürte ich wirklich ein Zusammentreffen von zwei Welten und viele Fragen kamen auf mich zu.

Fische, Früchten und Kunst in Manaus

Fische, Früchten und Kunst in Manaus

Die schönen Dockhütten aus Holz am Rio Negro

Die schönen Dockhütten aus Holz am Rio Negro

Warum bleiben die Indianer nicht in ihren Dörfern, um dort ihre Kultur aufrecht zu erhalten, sondern kommen in die Städte, leben als Lastenträger, Kunsthandwerker oder Arbeitslose an den Docks des Hafens und den Favelavororten im Norden? Was zieht sie in die Stadt und erst recht, was hält sie von einer Rückkehr in die Dörfer ab? Einige Antworten darauf habe ich auf der weiteren Reise gefunden, ob es jedoch die einzig wahren sind, muss ich offen lassen.

Für die Meisten lockt die Stadt mit dem saftigen Leben, Geld und Alkohol. Doch um zu verstehen, von was sich die Jugendlichen fortlocken lassen, bin ich in zwei verschiedene „Aldaias“, Indianerdörfer am Rio Negro gereist. Santa Maria, zwei Stunden Bootsfahrt von Manaus flussaufwärts, war eine kleine Gemeinde mit 15 Familien. Wie jede „Comunidade“ trug es einen christlichen Namen und hatte ein Gesundheitszentrum, eine Schule und eine, über Weihnachten verschlossene, Kirche. Indios sind nur Christen, wenn sie jemand aufdringlich dazu auffordert. Und da im Urwald immernoch der Glaube an den „Großen Geist“ überwiegt, sind Vertreter der, meist evangelisch orientierten Kirchen, sehr afudringlich und extrem. Missionare, die ihren Glauben in die Welt posaunen, findet man hier überall. Wer kein offensichtliches Kreuz um den Hals trägt, wird im Bus, auf der Straße und im Laden oft und penetrant darauf aufmerksam gemacht, dass Jesus einen liebt. Oft fühlte ich mich an die Misionierung und den Ablasshandel im europäischen Mittelalter erinnert.

Links oben zu sehen, die Kirchen in Santa Maria, ganz rechts ein traditioneller Holzbau und bis 2012 ein Restaurant für Touristen.

Links oben zu sehen, die Kirchen in Santa Maria, ganz rechts ein traditioneller Holzbau und bis 2012 ein Restaurant für Touristen.

In Santa Maria half ich einem indigenen Freund beim Bau eines Restaurantes für Touristen der Olympischen Spiele 2012 und der Fußball-WM 2014. Dazu musste ich mit den indigenen Helfern für 2 Tage im Urwald Holz und Palmenblätter holen, um das Dach zu decken. Wir schliefen eine Nacht im Urwaldcamp. Hier lernte ich die Indios von ihrer traditionellen Seite kennen. Ein Beispiel: Die Äquatorsonne steht quasi senkrecht über uns, rundherrum ist tiefer, grüner Urwald, es gibt keine Wege und keine Orientierungspunkte. Mit Macheten bewaffnet schlagen sich die Indios einen Pfad und wie von Geisterhand geleitet, stehen sie nach 3 Stunden Fußmarsch am Ziel. Die Schweren Palmenblätterbündel schleppen wir zurück zum Fluss und abends, bevor es eine Fischsuppe mit dem gelben, groben Mehl aus Mandioka gibt, bedankt sich der älteste Indianer für das Essen, beim „großen Geist“. Hier lebte noch die alte Kultur.

Das Urwaldcamp aus Hängematte unter einer Plane und ein Feuer unter ein paar Palmenblättern gegen Regen geschützt. Rechts oben wird der Rauch einer Wurzel als Schutz gegen Schlangen, Malaria und böse Geister genutzt.

Das Urwaldcamp aus Hängematte unter einer Plane und ein Feuer unter ein paar Palmenblättern gegen Regen geschützt. Rechts oben wird der Rauch einer Wurzel als Schutz gegen Schlangen, Malaria und böse Geister genutzt.

Weiter oben am Rio Negro, 5 Tage Bootsfahrt von Manaus, ist Santa Isabel.Wie der Name schon sagt, gab es dort ebenfalls eine Kirche. Es war bereits eine Stadt und es gab ein paar geteerte Straßen. Doch hier begrüßte uns der Alkohol in rauen Mengen. Hier gab es keine Kaserne, wo sonst die Jugendlichen aus Wehrpflicht und Chancenlosigkeit hingehen müssen. Wer nicht beim Rathaus, einer Bank oder der Tankstelle arbeitete, war arbeitslos. Triste Aussichten, die mit dem Alkohol weggespühlt wurden.

In dieser Stadt gab es keine Kultur. Zivilisation und Missionierung haben zerstört, was bestand und durch nichts ersetzt. Keine Universität, kein Tanzverein, nur heruntergekommene Bars.

Besoffenen Indianer in Santa Isabel

Besoffenen Indianer in Santa Isabel

Doch auf einer „Sitiu“, einem einsamen Gelände im Wald, stand ein „Casa da Farinha“, eine Holzhütte gedeckt mit Palmenwedeln, in dem auf zwei großen Herden Mandiokamehl getrocknet wurde. Hier konnte ich die traditionelle Anpflanzung, Verarbeitung und Zubereitung von Mandioka, der Urwaldkartoffel, erleben. Dabei machte ich mir auch oft über den Umweltschutz Gedanken. Für den Mandiokaanbau werden Flächen von reinem Urwald, höchstens in der Größe eines Fußballfeldes, abgebrannt. Für drei bis vier Jahre wachsen dann Mandioka, Zuckerrohr, Bananen, Açai und sonstige Früchte.Danach ist der Urwald wieder so weit nachgewachsen, dass die nächste Fläche abgebrannt werden muss. Dieser natürliche Kreislauf basiert komplett auf Handarbeit und ohne Dünge- und Spritzmittel. Der Wald, der auf einer 50 cm dicken Schicht Erde basiert, worunter reiner „Wüstensand“ ist, erholt sich selbstständig und die Flora wird nicht zerstört.

Mandiokaverarbeitung im Verlauf: Tragen, schälen, einweichen und schlussendlich trocknen im Casa da Farinha.

Mandiokaverarbeitung im Verlauf: Tragen, schälen, einweichen und schlussendlich trocknen im Casa da Farinha.

Es war eine spannende Reise in eine „alte Kultur im Umbruch“. Wohin das führen wird, liegt zu großen Teilen an dem, wie sich die Indios der Herausforderung stellen. Mit ihrer eigenen Kultur gehen sie sehr zurückhaltend um. Trotzdem sind sie offen, möchten ihre Kultur aber nicht anderen aufdrücken. Vielleicht können sie diese dennoch, auch in der zivilisierten Lebensweise, beibehalten.

Die Rolle des Staates ist bei diesem Umsturz auch nicht nebensächlich. Er gibt den Indios zwar Rechte, doch keinen Schutz weiterhin im Urwald ohne Gesetze zu leben. In jedem Indianerdorf, das nicht durch undurchdringlichen Regenwald geschützt ist, werden Schulen, Kirchen und Gesundheitsposten errichtet. Teilweise von Behörden. Sie dienen zum Schutz der Indianer, denn sie möchten die Gesundheit in den Dörfern garantieren, den jungen Indios eine Chance im späteren Beruf geben und sie über die Kirche an westliche Werte gewöhnen. Immerhin wird in den Schulen in der indigenen Sprache des jeweiligen Stammes unterrichtet. Das Recht eine Impfung zu verweigern haben die Indios nur auf dem Papier.

Brandrodung ist Umweltzerstörung? Nein, bei den Indios gehört es zur jahrhundertealten Tradition und ist Lebensgrundlage für Wald und Mensch zugleich.

Brandrodung ist Umweltzerstörung? Nein, bei den Indios gehört es zur jahrhundertealten Tradition und ist Lebensgrundlage für Wald und Mensch zugleich.

Den Indianern wird der natürliche Lebensraum auch durch „Naturschutz“ eingeschränkt. Sie dürfen keine Bäume mehr fällen oder abbrennen, um Häuser und Boote zu bauen oder Felder für die Ernährung zu schaffen.Dazu müssen alle Indios spätestens wenn sie ihr Dorf verlassen, einen Pass beantragen, dessen Voraussetzung es ist, die harte Grundausbildung des Militärs zu absolvieren.

Letzendlich war es aber sehr schön, Weihnachten und Neujahr, beides fetzige Festas mit Feuerwerken, im Amazonas zu verbringen.

Rio Negro mit den vielen einsamen Inseln.

Rio Negro mit den vielen einsamen Inseln.

 

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