Hallo Heidenheim! Es muss kalt gewesen sein in meiner Heimatstadt, als wir hier in der „Zona Sul“ von Sao Paulo bei über 30 Grad unsere ersten Tischtennismeisterschaften austrugen. Vor einem guten halben Jahr habe ich Heidenheim, nach 20 Jahren Kindheit, verlassen, um für 1 Jahr in der Favela Monte Azul sozial zu arbeiten. Beladen mit jeder Menge Ausrüstung für professionelles Tischtennistraining, erreichte ich die 20 Mio. Metropole Brasiliens und habe mich eingelebt, Portugiesisch gelernt und Ende September mit dem Tischtennistraining begonnen.

Gewidmet an die Tischtennisabteilung des PSV Heidenheims und an meinen Tischtennistrainer Roland Kurz, der mir für diese Projekt professionelle Schläger, Netzte und Bälle zur Verfügung stellte.

Gewidmet an die Tischtennisabteilung des PSV Heidenheims und an meinen Tischtennistrainer Roland Kurz, der mir für diese Projekt professionelle Schläger, Netzte und Bälle zur Verfügung stellte.

Es wird leise und die Augen leuchten auf, als ich in die Klassen komme. Die Schüler, größtenteils, aufgrund ihrer afrikanischen Abstammung, schwarz oder braun, haben wohl selten Besuch von einem blonden, deutschen Freiwilligen, sie haben wohl überhaupt selten Besuch. Die Schule ist nicht gerade einladend. Gittertore versperren die Gänge und werden nur geöffnet, wenn einer der Lehrer seine Klasse am Eingang abholt und in einem „Gefangenentross“ zum entsprechenden Raum bringt.

Die Stimmung in der Klasse ist an diesem Freitagmorgen dagegen ruhig und locker. Die Türen sind angelehnt und von drinnen schallt das Geräusch von ruhigen Konversationen auf den Gang. Unter Blicken der fast ausschließlich weiblichen Lehrerinnen herrscht Disziplin.

Der Eingang der Schule mit Gittertor, das zu Schulbeginn nach den Sommerferien (von Dezember bis Februar) mit Luftballons geschmückt ist.

Der Eingang der Schule mit Gittertor, das zu Schulbeginn nach den Sommerferien (von Dezember bis Februar) mit Luftballons geschmückt ist.

Während meiner Ansprache in brüchigem Portugiesisch aus der zu entnehmen ist, dass Sonntag in einer Woche ein Tischtenniswettkampf stattfindet, zu dessen Teilnahme alle herzlich eingeladen sind, macht keiner einen Mucks. (Ungewohnt für die sonst so lebhaften Kinder, die ich teilweise aus der Favela kenne).

Doch schon am kommenden Sonntag beim Training ist die Halle brechend voll. Alle fragen erstaunt nach den Meisterschaften. „Nächsten Sonntag, so wie angekündigt“ antworte ich.

Am entsprechenden Sonntag darauf sind dagegen nur noch 16 Kinder da. Sechs Große für eine Ü16 Mannschaft und 8 Kleine, die meisten aus dem regulären Tischtennistraining, dass ich bereits ein knappes halbes Jahr anbiete.

Das ist typisch für Brasilien. Wer einen Termin über 3 Tage hinaus plant, muss immer wieder eine Erinnerung abgeben, denn sonst vergessen es alle. Es scheint, als gäbe es keine Kalender. Der Vorteil: Will sich jemand mit mir treffen, auf denen ich absolut keine Lust habe, sage ich nicht „nein“, sondern „Sonntag in einer Woche“. Mit Sicherheit kommt er nicht.

Nesete, die Leiterin des Familienprogrammes an dieser Schule, die mit mir in den Klassen die Ansage gemacht hat, hat es ebenfalls vergessen und wundert sich, dass ich es nicht verlegen möchte. Doch nächste Woche kommen definitiv nicht mehr, denn dann ist Karneval. Heute ist der Wettkampf, das war klar vereinbart. Termine muss man einhalten „so bin ich erzogen worden und so möchte ich das auch handhaben“ (Zitat eines typischen Spießerdeutschen vor seiner Plagiatsaffäre).

Schnell sind die zwei Tische auf dem schrägen Fliesenboden aufgebaut und die neuwertigen Netzte meines Vereins PSV Heidenheim aufgespannt und während ich die Spielerliste nach dem Prinzip „Alle gegen alle“ schreibe, beginnen die Kinder bereits zu trainieren. Die staatliche Schule hat auf meine Tischtennisinitiative hin, extra noch eine neue Tischtennisplatte besorgt. So stehen für die 16 Kinder, ganze zwei Tische zur Verfügung, um die sich nun gestritten wird. Doch keiner verlangt mehr Tische, denn hier in São Paulo gibt es für die untere Mittelschicht von allem zu wenig und daher bilden sich immer endlos lange Schlangen. Vor den Bussen, Krankenhäusern und wie hier, den Tischtennisplatten.

Es wurde besonders zu Anfang, als ich mit dem Training neu begann, heftig darum gestritten, wer spielen darf. Dazu haben die Kinder sehr einfache Regeln eingeführt: Wer gewinnt, darf bleiben, wer verliert macht den Platz für den Nächsten frei. Außerdem hat immer der Gewinner Angabe, eine Regel, dich ich bisher nicht vermochte, langfristig zu korrigieren. (Im Original wechselt es immer nach 2 Punkten).

Während des Spiels geht es wild und rau zu. Den Kindern fehlt es hier in der gedrängten Stadt an Möglichkeiten, ihre Kräfte sinnvoll einzusetzen und so ist konzentriertes Spielen bisher noch unbekannt, wobei die wartenden Spieler oft massiv in das Geschehen eingreifen. Wenn ich weg bin, wird es oft handgreiflich.

Dennoch gibt es Einige, die es verdammt schnell begreifen. Selbst Kantenbälle werden hier einfach noch geschnappt. Flink sind die Kinder auf jeden Fall und dabei geschickt, ihre geeignete Spielweise zu finden.

Tischtennis bringt etwas Abwechslung in den Vorort, wo sonst von Groß bis Klein, Jung bis Alt und von Mann bis Frau nur Fußball gespielt wird. Doch gerade beim Tischtennis können die Kinder lernen, taktisch vorzugehen und ohne Körpereinsatz zu gewinnen. Der friedliche Sport fordert die Fähigkeit verlieren zu lernen, ohne groß zu diskutieren und fördert Respekt und ruhige Diskussionen.


Meine Ansprache ist zwar grammatikalisch völliger Käse, dennoch fand ich es lustig, sie hier mal zu veröffentlichen.

Der Wettkampf selbst verläuft ausgesprochen konzentriert und nach anfänglichen Zweifeln schenken die Kinder meinem komplizierten Punktezählsystem doch Vertrauen. Aufgrund der limitierten Tischanzahl besteht ein Match aus 3 Spielen bis 5 Punkten (auf zwei Gewinnpunkte). Angabe hat, wer den letzten Punkt gemacht hat.

Von 14 bis 17 Uhr stehen nun ausschließlich das Spiel und der Punktestand im Vordergrund. Da keiner meine Tabelle versteht, bin ich die ganze Zeit dabei, den Kindern zu sagen, wie viele Punkte sie haben. Wir sind zwar nicht ganz fertig geworden, doch ohne Probleme lässt sich das Spiel unterbrechen und die Aufregung steigt, während ich die Punkte zusammenzähle.

Die ersten drei Plätze erhalten Medaillen. Etwas, was die Kinder wirklich stolz macht, doch gleichzeitig traurig, weil nicht jeder eine bekommt. Dafür wird für jeden eine Urkunde ausgestellt, um die er von allen Geschwistern, Eltern und Nachbarn bewundert wird.

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Pressebilder vom Tischtennis

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