Die Nacht unter dem Lkw war erstaunlich erholsam und am nächsten Morgen bin ich guter Dinge neben den stockenden Autos weitergewandert, bis sich der Verkehr soweit verflüssigt hatte, dass es sich lohnte, zu trampen. Vom Gebirge an der Ostküste geht es abwärts und Curitiba rückt immer näher, je tiefer wir kommen. Doch wird die Übernachtungsmöglichkeit, organisiert über Couchsurfing, klappen? Auf jeden Fall beweist dieser Tag eines: In Brasilien gibt es alles, auch Europa.

Nachts um halb vier weckt mich das Zischen der Kupplungen rangierender Lkws. Der Laster direkt neben meinem Unterschlupf möchte raus und hat dafür die Fahrer aller Lastwagen, die ihm im Wegstanden, aufgeweckt. In uhrenmacherischer Feinarbeit wird nun vor und zurück, raus und reinrangiert. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei, der Störenfried vom Platz und als ich um 6:30 aufstehe, ist der Parkplatz schon fast zu einer normalen Auslastung zurückgekehrt.

Morgens um 6: der Lkw, unter dem ich in der verregneten Nacht geschlafen habe.

Morgens um 6: der Lkw, unter dem ich in der verregneten Nacht geschlafen habe.

Dafür staut es sich nun um so mehr auf der „Régis“ nach Curitiba. Die Fahrer sitzen auf den Stoßstangen und schnacken, während von den umliegenden Dörfern Frauen, Kinder und Alte auftauchen und mit dem Verkauf von Süßigkeiten, Getränken und salzigen Stückchen aus dem Stau ihren Profit zeihen.

Weil mein Fahrer noch in seinem Lkw pennt, schnalle ich meinen Rucksack auf und laufe eine halbe Stunde neben her. Es tut gut sich zu bewegen und ich genieße es einmal schneller zu sein, als die Autos auf der Autobahn.

Von den umliegenden Dörfern kommen Kinder und Erwachsenen, um Snacks an die wartenden Fahrer zu verkaufen. Ist das nicht eine Geschäftslücke bei deutschen Staus?

Von den umliegenden Dörfern kommen Kinder und Erwachsenen, um Snacks an die wartenden Fahrer zu verkaufen. Ist das nicht eine Geschäftslücke bei deutschen Staus?

Während der gemütlichen Weiterfahrt, als der Stau vorbei ist und mich mein Lkw wieder eingesammelt hatte, habe ich auf dem Lkw-Bett geschlafen und bin so plötzlich um 14 Uhr in Curitiba angekommen.

„Foz do Iguaçu” steht bereits schon auf den Schildern, denn es ist das Tor zu Argentinien und besonders zu Paraguay, wo es billig einzukaufen ist. Doch die Raststätte, wo ich stehe, ist hoffnungslos. Denn die Horden von Straßenverkäufern aus den Großstädten, die es sonst in ihren verrosteten Autos nach Paraguay zum Shoppen zieht, feiern Karneval und fahren in die andere Richtung nach Florianopolis oder ans Meer.

Die Vororte von Curitiba. Curitiba ist die Hauptstadt von Paraná, der Kornkammer Brasiliens und weltweites Exportland von Fleisch und Agrarprodukten, besonders Soja.

Die Vororte von Curitiba. Curitiba ist die Hauptstadt von Paraná, der Kornkammer Brasiliens und weltweites Exportland von Fleisch und Agrarprodukten, besonders Soja.

Nun muss ich von der BR 116 auf die BR 277 nach Cascavel. Ich folge den Wegbeschreibungen des Tankwarts und wandere 8 km durch die Vororte, bis ich feststelle, dass der Trankwart sich entweder nicht auskennt, oder nicht verstanden hat, dass ich, trotz Touristenstatus, eben nicht ans Meer will, sondern in die andere Richtung.

Couchsurfing: ein weltweites Netzt der Backpacker und Globetrotter.

Inzwischen ist es Abend geworden und ich beschließe, morgen weiterzutrampen. In einem Internetcafé log ich mich bei dem Internetportal www.Couchsurfing.com ein. Es ist ein Webportal, ähnlich Facebook, deren User alle offene, meist junge, Menschen sind, die bereit sind, Reisende bei sich aufzunehmen. Wer sich registriert, gibt seinen Wohnort an, (die Adresse ist jedoch erst auf Anfrage zu sehen) und schreibt ein kleines Profil, so dass sich jeder „Couchsurfer“ eine Couch aussuchen kann, die seinen Interessen entspricht.

Alles basiert auf Geben und Nehmen und daher findet man auf Couchsurfing.com kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten in nahezu jeder größeren Stadt auf der Welt und vielleicht kommt ja einmal ein Backpacker aus fernen Ländern auf die eigene Couch. Wer in Couchsurferfamilein wohnt, erlebt viel mehr von der bereisten Gegend, denn im Gegensatz zu einer anonymen Jugendherberge, lernt man im privaten Wohnumfeld, Sitten und Freunde kennen und meist führt einen der Gastgeber gleich noch in der ganzen Stadt herum.

Für einen Backpacker wie mich bedeutet Couchsurfing, kombiniert mit Schlafsack und Isomatte die interessanteste und günstigste Reisemöglichkeit. In Städten schlafe ich bei Couchsurfern und lerne so Stadt und Kultur kennen und auf dem Land, wo die Verbrecherdichte zu gering ist, um überfallen zu werden, schlafe ich mit Schlafsack, Isomatte und Ponchozelt in Feldern und erlebe so die freie Natur.

Curitiba: heilig wie Europa, langweilig wie Bildungsbürger

Vor meiner Abreise hatte ich Couchanfragen bereits reihenweise verschickt. Eine 22-Jährige hat mit ihrer Handynummer geantwortet. Schnell lade ich im Internetcafé Skype runter, installiere es auf dem vierenverseuchten PC und über mein Skypeguthaben rufe ich bei ihr an. Sophia ist gerade auf einer Couchsurferparty und gibt mir die Adresse durch. Ich fahre hin.

Über mehrere Busterminals geht es ins Zentrum. Die „Rua Canada“ ist ein wohlhabendes Viertel, wo in einem mit Elektrozaun gesicherten Hochhaus die Festa ist. Die Fahrt gleicht einem Flug durchs All. Die gefederten Busse schweben durch die sauberen Straßen und sammeln ordentlich aber schlicht gekleidete Fahrgäste an den futuristischen Bushaltestellen ein.

Die Bushaltestellen sind in den futuristischen Glastunnel, deren Türen hydraulisch geöffnet werden, sobald der Bus davor zum Stehen kommt und seine hydraulische Brücke abgelassen hat.

Die Bushaltestellen sind in den futuristischen Glastunnel, deren Türen hydraulisch geöffnet werden, sobald der Bus davor zum Stehen kommt und seine hydraulische Brücke abgelassen hat.

Das hektisch Großstadtleben aus São Paulo habe ich bis hier schon längst zurückgelassen. Es fehlen die lebhaften Schwarzen der afrikanischen Abstammung oder der Zuwanderung aus dem Nordosten Brasiliens. Diese Busse fahren langsam an und lassen bei roten Ampeln ausrollen, statt mit lebensmüdem Bleifuß auf die roten Rücklichter zuzusteuern und kurz vorher eine Vollbremsung zu machen. Im Bus ist es leise und was ich weder in Manaus noch in São Paulo erlebt habe, es wird gewartet, bis alle ausgestiegen sind, bevor man einsteigt,

Es ist wie Europa und deshalb scheint hier alles organisiert und Karneval ist kein Feiertag, denn Spaß lässt sich nicht organisieren. Vielleicht kann ich das hier schon mal vorwegnehmen: Auf der ganzen Reise und danach in São Paulo bin ich keinem über den Weg gelaufen, der vom Karneval geschwärmt hätte. Dafür einigen Brasilianern, die Karneval hassen.

Curitibas Fußgängerzonen könnte einer hübschen deutschen Kleinstadt entsprechen und wieder einmal fällt mir auf, Brasilien gibt es nicht! Vielmehr repräsentiert sich auf einer Fläche, größer als Europa ein Stück von jedem Land der Erde. Den Afrikanern gehört der Nordosten, den Europäern der Süden und Chinesen und besonders Japaner mischen sich in allen Großstädten unauffällig unter die Meute. Auch auf der Festa in Curitiba kennen die Hälfte der Brasilianer ihre europäische Vorfahren.

Meine Couchsurferin ist etwas beleidig, dass ich ihr Profil auf Couchsufing.com nicht vollständig durchgelesen habe. Sie arbeitet bei einem Fleischproduzenten im Export, der bis nach Europa und Japan liefert, wie sie betont. Ich werde mir in Zukunft die Profilbeschreibungen besser durchlesen, denn als ich mich auch noch als Vegetarier ausgebe und es bei einer kleinen Kostprobe des saftigen Steaks belasse, empfindet sie es schon fast als Angriff auf ihre Nationalität.

Hinzu kommt, dass ich deren Curitibianisches-Couchsurfer-Nationalgetränk „Jurupinga“, gemischt mit starkem Wein, verschmähe, da ich generell nicht so auf Alkohol stehe.

Hinzu kommt, dass ich deren Curitibianisches-Couchsurfer-Nationalgetränk „Jurupinga“, gemischt mit starkem Wein, verschmähe, da ich generell nicht so auf Alkohol stehe.

Um 1 Uhr gehen wir endlich nach Hause und, nachdem ich die Googlemaps-Karte für Morgen studiert habe, schlafe ich um 2 Uhr ein. Es ist mir etwas peinlich, dass ich mir nicht in den nächsten drei Tagen gemütlich Curitiba zeigen lasse, sondern schon am nächsten Morgen in Herrgottsfrühe das Feld räume. Doch so viel Couchsurfer-lifestyle musste jetzt für mich auch nicht sein. Ich will weiter nach Westen!

Tja die Oberschicht ist eben etwas komplizierter.

Nächster Tag: Über die Hochebene bis Cascavel>>>

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