Paraguay gehört zu den ärmsten Ländern Südamerikas. Das habe ich aber mit eigenen Augen gar nicht feststellen können. Denn Ciudad del Este an der Grenze zu Brasilien, ist ein einziges Shoppingparadies für Brasilianer und Touristen. In den gedrängten Einkaufssträßchen werden die Preise in Dollar angegeben, der brasilianische Real als Hauptwährung gehandelt und der Preis in den astronomischen Zahlen des schwachen „Guarani“, nur auf Nachfrage genannt. Auf der Suche nach Autoreifen trampe ich mit einem Farmer direkt von Cascavel bis in die tiefen Einkaufsschluchten Paraguays.

Diashow meines Shoppingtripps in Paraguay

Den Vormittag habe ich mit einem zweistündigen Marsch durch Cascavel verbracht, um am Ortsausgang der Kornstadt von an einer Raststätte zu warten. Es ist trocken und sonnig, der Schweiß fließt und der Staub der Straße färbt Schuhe und Beine rot.

Endlich, kurz nach Mittag treffe ich vor einem Restaurant auf einem gesättigten Kuhzüchter und Cowboy, der nach Paraguay wollte, um sein Autor neu zu bereifen. Sein 200-Hektar-Hof ist an der Grenze zum Pantanal, dem weltgrößten Sumpfgebiet und Tierparadies. Da ich geschlafen habe, verging die Abfahrt von der sojabepflanzten Hochebene bis an den großen Fluss Paraná, der die Grenze zu Paraguay bildet und an dem die weltbekannten Wasserfälle sind, wie im Fluge.

Von der schönen Hochebene geht es bei strahlender Sonne hinab nach Paraguay.

Von der schönen Hochebene geht es bei strahlender Sonne hinab nach Paraguay.

Wer in Foz do Igauçu einfach den Stau aus Kleintransportern, Reisebussen und Schrottkarren nicht verlässt, kommt direkt über eine Brücke nach Paraguay. Pässe werden weder auf der einen, noch auf der anderen Seite des Flusses kontrolliert. Dennoch erstreckt sich der Stau, besonders auf der Seite zurück nach Brasilien, durch ganz Ciudad del Este.

Schon seit wir im Stau in der Schlange nach Paraguay warten, hüpft ein 11-jähriger Junge neben uns her und macht Werbung für ein Elektronikgeschäft. Mein Fahrer hört ihm erst gar nicht zu und fragt den Jungen direkt nach der Adresse seines Reifenladens, dessen Namen er hat. Der Junge nickt und biegt in eine, mit Fußgängern überfüllten, Seitenstraße ein, während er ununterbrochen weiterredet, wo wir überall parken könnten und was wir sonst noch brauchen würde. Die Kinder bekommen hier von Ladenbesitzern und Tiefgaragenwärtern Geld, wenn sie Touristen anschleppen. Im langsamen Stau kann er gut vor uns herrennen und dort, wo wir zu schnell fahren, nehmen ihn die Motorradfahrer kostenlos mit. Und tatsächlich bringt er uns schnurgerade zum Reifengeschäft, wo es, entgegen seiner Behauptung, ausreichend Parkplätze gibt, die sogar bewacht werden. Mein Fahrer gibt dem Jungen 10 Reais, trotz der Lügen.

Ciudad del Este, in Paraguay ist ausschließlich auf den brasilianischen Kauftourismus eingestellt.

Ciudad del Este, in Paraguay ist ausschließlich auf den brasilianischen Kauftourismus eingestellt.

Während die Reifen bezogen werden, bummel ich durch die Straßen und kaufe zwei 4 GB SD Kameraspeicherkarten für insgesamt 10 Euro. Zu dem Elektrogeschäft, das sich von Außen als Panasonic Fachgeschäft tarnt, geht es eine schmale Wendeltreppe, in einer der überfüllten Straßen, hoch bis in den Laden. Hinter Glasscheiben gibt es die Produkte zu besichtigen. Anfassen und ausprobieren ist Fehlanzeige. Wer etwas kaufen will, ruft einen Bediensteten, dem er in Englisch, Spanisch oder Brasilianisch seinen Wunsch erklärt. Die Rechnung, die dieser ausstellt, muss man zunächst bezahlen. Rückgabe ausgeschlossen. Im Dachgeschoss wird der Schnäppchenjäger dann von einer ewigen Schlange überrascht, in der vom Großhändler, der über 1000 verschiedene Artikel auf seiner Rechnung hat, bis zum Touristen, der nur zwei Speicherkarten will, alle gemeinsam um die Funktionalität der bereits gezahlten Ware warten. Doch meine Speicherkarten sind in Ordnung.

Für die, mit Elektronikartikeln schwer beladenen Kleinbusse der Straßenverkäufer aus den Großstädten der Ostküste, birgt die Rückfahrt immer ein Risiko, da die Ausfuhr von Gütern über 300 Reais steuerpflichtig ist. Doch auch wir verstecken die gekauften Reifen hinter den Sitzen des Jeeps und erreichen ohne Überfall und Zollkontrolle Foz do Iguaçu, Brasilien.

Mein Fahrer meint, er habe gute 500 Euro gespart, durch die Fahrt nach Paraguay und hat nebenbei noch zwei Handys und mehrere Markenhemden ergattert. Der Preisvorteil geht aus den sehr niedrigen Steuern in Paraguay hervor. Außerdem ist das Land viel ärmer als Brasilien. Viele Straßenkinder und Arbeitslose waschen scheiben, oder stellen sich im Stau vor Autos, damit man vordrängeln kann. Dafür ergattern sie hier und da 5 Reais, auch wenn sie 20 oder 50 Groschen fordern.

Freche Straßenkinder und Paraguayer regeln den Straßenverkehr und verdienen sich dabei hier und da einige Groschen.

Freche Straßenkinder und Paraguayer regeln den Straßenverkehr und verdienen sich dabei hier und da einige Groschen.

Die Polizei hat hier hingegen viel weniger Respekt. Wenn sie Autos anhalten will, muss sie sich direkt vor diese Stellen um Kreuzungen zu entstopfen. Schaut sie weg, fährt das Auto einfach weiter. Es ist für die Polizei ein Kampf gegen Windmühlen und oft helfen Straßenkinder gegen einen kleinen Obolus.

Ein Streit brach aus, als eine Frau einem unverschämten Straßenkind nicht gehorchen wollte. Ein anderer Verkehrsteilnehmer hatte dem Straßenkind viel Geld bezahlt, um die Straße für ihn freizuräumen. Die Frau hatte sich jedoch bereits sehr weit in die verstopfte Kreuzung hineingekämpft und weigerte sich, zurückzufahren. Doch die Polizei stellte sich hinter die Forderung des Straßenkindes und unterstützte damit, willentlich oder nur um die Verkehrslage zu bessern, das respektlose Vorgehen der Straßenkinder, worauf sich die gesamte Horde der Straßenbewohner, die auf der Mittelinsel Matratzen, Stühle und ein Lager für gefälschte DVD, Pullis und Chips eingerichtet hatten, lauthals über die Frau lustig machte.

Ein anderer Mann der Straße schmiss eine Wasserbombe auf die Frau, die ihn daraufhin in ihrer Hilflosigkeit und Wut verprügeln wollte. Der Mann jedoch schlug einfach zurück und der Polizist schaut tatenlos zu. Die Kinder schmissen inzwischen Steine auf das Auto der Frau und die Polizei hat die Kontrolle gänzlich an die Kinder abgegeben. Daher fahrend die meisten Einkäufer mit dem Bus oder Taxi nach Paraguay, auch weil dann beim erwischten Schmuggel nicht das eigene Fahrzeug konfisziert wird.

Auch ich werde von allen ausgelacht, als ich den Kindern kein Geld gebe, für meine Fotos, die ich aus dem Auto heraus geschossen habe. So versuchen die Kinder noch über Auslachen und Gruppenzwang, Geld von Touristen zu erhaschen. Wer nach Paraguay reist, braucht einen starken Charakter und viel Humor. Auf Ehre und Versprechungen kann man dagegen pfeifen.

Zurück nach Foz do Iguaçu (linke Seite) über den Rio Paraná. 10 km flussabwärts befinden sich die Wasserfälle.

Zurück nach Foz do Iguaçu (linke Seite) über den Rio Paraná. 10 km flussabwärts befinden sich die Wasserfälle.

An der vereinbarten Bushaltestelle am Rande der Favela fehlte von meiner Couchsurferin jede Spur. Nur eine Nutte wartete in der Nähe, die ich freundlich fragte, ob ich ihr Handy ausleihen könnte. Sie verneinte etwas arrogant und verzog sich. Kurze Zeit später brachte ein Mercedes aus Paraguay eine neue Nutte, die war wenigstens etwas schöner, wenn auch nicht großzügiger im Verleih von Handys.

Schluss endlich hat mir die Polizeistreife ihr Handy ausgeliehen, und als sie zum zweiten Mal vorbeifuhr und ich immer noch dastand, brachten sie mich kurzerhand zur Festa meiner Couchsurferin.

Katholisch-gebildete Festa mit spätentwickelten Studenten.

Katholisch-gebildete Festa mit spätentwickelten Studenten.

Die Festa war wirklich ruhig. Die Studenten zwischen 22 und 26 saßen im Kreis und unterhielten sich über Studieninhalte, wobei immer nur einer sprach. Für mich eine sehr ungewohnte Situation, seitdem ich ein halbes Jahr nur Vorstadtpartys in São Paulo besucht hatte. Der Vater einer der Jungen Männer grillte und begrüßte mich freundlich, bevor die anderen Studenten mich begrüßten. Musik gab es keine, es wäre zu laut gewesen und erst, als der Vater zu Bett gegangen war, stellten sie eine Bierdose in die Mitte und jeder schenkte sich ein paar Schlücke in ein Glas ein. Gesittet, rücksichtsvoll und ohne Exzesse.

Der Gespräche nach, war es fast noch eine Teenieparty. Ich hörte deutlich, dass bei fast allen noch die Eltern diejenigen waren, die den Laden leiteten. Fast alle waren streng katholisch und die meisten von ihnen durften ihren Freund oder ihre Freundin nur im Beisein der Eltern treffen. Für die Studenten ganz normal, für Favelajungs undenkbar.

Ich war schon fast im Sitzen eingeschlafen, als meine 22-Jährige Couchsurferin nachts um 3 Uhr ihre Mutter anrief, um sie abzuholen. Doch eigentlich fuhr ein Studienkollege, dessen Vater dem Rotaryclub aus Foz angehörte, mit seinem großen Auto in den gleichen Vorort. Doch meiner Couchgeberin erschien es zu aufdringlich, nach einer Mitfahrgelegenheit zu fragen und so musste die Mutter bei dem Studienkollegen anrufen, um die Heimfahrt ihrer 22-jährigen Tochter zu organisieren. So gehört sich das. Von Selbstständigkeit fehlte dem Mädchen jede Spur und so hatten sie fast etwas Angst vor mir, als sie hörten, dass ich in São Paulo in einer Favela arbeiten würde.

Paraguay ist heiß, billig und arm und so verzichten viele auf ein Haus und wohnen auf der Straße. Vielleicht auch gezwungenermaßen, ich weiß es nicht.

Paraguay ist heiß, billig und arm und so verzichten viele auf ein Haus und wohnen auf der Straße. Vielleicht auch gezwungenermaßen, ich weiß es nicht.

Ich durfte in dem rosa Bettchen meiner Gastgeberin schlafen, die mit einer Freundin zusammen das Gästezimmer nutzte. Auf ihrem Schreibtisch lagen Fotos von Daniel Redcliff und sonstigen Teeniestars, auf dem Regal lagen Kuscheltiere und auf den ordentlich sortierten Schulbüchern standen Bilder von zwei braven Ehepaaren. Fast etwas altpreußisch hatte ich den Eindruck.

4 Uhr falle ich in meinen Schlafsack. Morgen geht es früh los.

Nächster Tag: Wunder, Wasserkraft und Wasserfälle

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