Nach drei Tagen trampen habe ich mein Ziel erreicht! Manche sagen, es seien zwei der Sieben Weltwunder. Die weltgrößten Wasserfälle von Foz do Iguaçu und das enorme Staudammprojekt „Itaipu“.

Diashow der Wasserfälle von Iguaçu

In der klaren Sonne dieses Dienstagmorgens durchquere ich mit dem Bus verschiedene Vororte im Norden von Foz do Iguaçu bis zur Endstation am Itaipu-Staudamm, nur ein kurzes Stück außerhalb der Stadt.

Der gewaltige Staudamm, der 80 % des Strombedarfs Paraguays und 20 % des Stromverbrauches Brasiliens deckt, wird in einem Infowerbevideo zu Beginn der 10 € teueren Führung, als eines der Sieben Weltwunder des 20. Jahrhunderts gepriesen. 1975 unter einer Militärdiktatur über 7 Jahre hinweg, ungeachtet großer Naturschutzproteste, erbaut, betrachtet sich dieses Bauwerk heutzutage als Umweltretter durch die Erzeugung von grünem Strom. Viele Umweltprojekte zum Schutz von Tigern, Fischen, Flora und Fauna des Regenwaldes, der dem Stausee weichen musste, realisiere das Unternehmen heute. Darüber hinaus fördere es soziale Projekte wie Wohnungsbau für Indianer, Alphabetisierung sowie Kunst und Kultur. Außerdem gäbe es eine enge Zusammenarbeit mit Unis zur Förderung der Wissenschaft im Bezug auf grüne Energie und Umweltschutz.

Die Regenbogenfontäne zur Schwächung des Wasserdruckes am unteren Ende des Itaipu-Staudamms.

Die Regenbogenfontäne zur Schwächung des Wasserdruckes am unteren Ende des Itaipu-Staudamms.

Bei der Besichtigung ist das Spektakulärste eine große Fontäne, die gleich hinter dem Staudamm nach oben schießt. Daneben befinden sich 14 Turbinen, je 7 für Peru und 7 für Brasilien. Jede einzelne Turbine liefert Strom für eine Stadt von 2,5 Mio. Einwohnern. Fast ganz Berlin. Hätten wir in Deutschland einen solchen Rio Paraná und eine Militärregierung, die so viele Menschen umsiedelte, dass durch Aufstauung, ein See entstünde, so hätten wir das Energieproblem für halb Deutschland gelöst und könnten alle Kern- und Kohlekraftwerke abschalten.

Um dem Itaipu-Projekt nahekommen zu können, müssten wir einen Fluss wie die Donau über 3 Monate hinweg aufstauen, um ein Stausee des Itaipu-Ausmaßes zu erhalten, der die gesamte Weltbevölkerung über gut einen Monat mit Süßwasser versorgen könnte. Doch fragen wir mal alle Einwohner der Donauebenen zwischen Ulm und Passau, wer von ihnen gerne Land, Haus und Stadt aufgibt, für einen See, der Heidenheim zu einer Hafenstadt werden lässt? Immerhin hätte dann wenigsten Heldenfingen wieder ein Kliff, das ans Wasser grenzt und nicht nur ein Relikt aus der Steinzeit ist.

Am Fuße des Damms entlang. Rechts, die weißen Röhren, sind die Turbinenzuläufe.

Am Fuße des Damms entlang. Rechts, die weißen Röhren, sind die Turbinenzuläufe.

Nur, dass die Indianer damals nicht gefragt wurden und als sie sich zu Wort meldeten, den Nachrichten die Berichterstattung untersagt wurde. Doch Militärregierung hin oder her, durch Korruption, wird bis heute noch manch ein industrielles Großprojekt möglich. Siehe den Staudammbau in „Belo Monte“, im Amazonas.

Mit Belo Monte wiederholt sich Geschichte und derzeit im Regenwald im Bundesstaat Tokantis. Eine erneuerbare Energie mitten im Urwald wird gefördert, ein Volk vertrieben, Kultur und Natur zerstört. Nur diesmal ist es eine korrupte Arbeiterregierung, deren Umweltminister bereits zurückgetreten ist. Diesmal ist es unberührter Regenwald, wo flussabwärts alles vertrocknen und sterben wird und diesmal erhielt Voith Hydro aus Heidenheim den Großauftrag.

Erneuerbare Energien müssen unseren Planeten retten und gleichzeitig unseren Wohlstand sichern. Doch Ersteres gelingt nur, solange erneuerbare Energien im Einklang und in den Grenzen der Natur ausgebaut werden, anstatt der grenzenlosen Effizienzmaximierung der Wirtschaft zu folgen. Denn die Natur ist endlich, die Effizienz stößt an Grenzen und, um nachhaltig zu wirtschaften, stößt auch die Wirtschaft hier an ihre Grenzen. Es ist der Mensch gefragt – alle Menschen – hier die Mitte zu finden und Ausgewogenheit vor profitorientierten Kreisen zu fordern. Biogasanlagen haben einen positiven Effekt, solange Bioabfälle verwendet werden anstatt, dass ganze Korn-, Mais und andere Nahrungsmittelernten direkt für Strom vernichtet werden und keine Fläche mehr für die weniger lukrative Lebensmittelerzeugung bleibt. Wasserspeicherkraftwerke sind sinnvoll, solange sie nicht ganze Berge und Landschaften zerstören und das Gleiche gilt für Wasserkraft. Die aktuelle Energiewende macht eine dezentrale und kleinprojektierte Stromversorgung möglich und nötig.

Während der einstündigen Führung werden Indianer, Vertreibung und Umweltzerstörung mit keinem Wort erwähnt und stattdessen astronomische Zahlen mit schaurigen Vergleichen, und die gemeinsame Idee und Zukunft zweier Entwicklungsländer (Brasilien und Paraguay) in den Vordergrund gestellt.

Die Wasserfälle im Nationalpark Iguaçu

Die Wasserfälle im Nationalpark Iguaçu

Vom technischen Weltwunder zum weltgrößten Naturwunder. Dazu fahre ich mit dem Bus durch Foz do Iguaçu und eine knappe Stunde südlich in den Nationalpark „Iguaçu“. Nach dem Eintritt von 20 Euro geht es im Bus bis an die Wasserfälle. Zwischendrin steigen Touristen aus und nehmen an weiteren Attraktionen, wie Helikopter- und Bootsfahrten bis dich an die Wasserfälle, teil. Zum Ende hin bin ich froh, das alles nicht gemacht zu haben, denn der eigentliche Pfad entlang der Wasserfälle ist schon eindruckvoll genug. Nebenbei sei hier der Link eines Videos mit einem dieser missglückten Bootsreisen an die Fälle gegeben: Spiegel Online.

So wie ich den Bus verlasse, spüre ich die feuchte Luft, hervorgerufen durch den Wasserstaub der mächtigen Wasserfälle. Der Schweiß beginnt augenblicklich zu fließen.

Die Stadt ist geradezu tapeziert von strahlenden Bildern der berühmten Wasserfälle. Doch am heutigen Dienstagnachmittag ist es bewölkt und es sind keine Regenbogen zu sehen, wodurch keines meiner 300 Fotos dieses Naturwunders den farbigen Regenbogen trägt. Doch das eigentlich Eindrucksvolle ist nicht die grandiose Sicht sondern das überwältigende Gefühl im Wasserstaub am Fuße des endlos fallenden Wassers zu stehen.

Im Wasserdunst des Weltengeistes

Im Wasserdunst des Weltengeistes

Das tosende, stürzende Wasser und die Vorstellung, hier als Indianer vor vielleicht 500 Jahren ohne betonierte Pfade, Fahrstuhl und Souvenirladen auf einem moosbewachsen Felsen inmitten der Natur gestanden zu haben, lässt mich etwas schaudern. Doch die Zeit ist vorbei und auch hier gibt es keinen Hinweis und keine Erinnerung, an die spirituelle Wichtigkeit dieses Ortes, einst für die Urvölker.

Voll mit Eindrücken und todmüde fahre ich zurück zu meiner Chouchhosterin, schaue mir dort auf Googlemaps meine Rückreiseroute an und breche sofort auf. Eine Mitfahrgelegenheit ergibt sich am Dienstag, dem letzten Karnevalfeiertag nicht mehr. So schlafe ich hinter den nächtlich rot leuchtenden Hochöfen einer Ziegelei, im hohen Gras.

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