Die Letzten drei Tage meiner Reise durch Paraná verbringe ich größtenteils zwischen Sojaäckern, Erdnussfeldern und Hühnchengroßzuchtanlagen. Nachdem ich versehentlich einen großen Umweg auf dem Rückweg nach São Paulo genommen habe, lerne ich die endlose Landwirtschaft erst richtig kennen, und erfahre, dass durch einen Stromausfall, über 1000 Hühner einer Hühnchenfleischfabrik sterben, weil die Lüftungsventilatoren ausgefallen sind. Ein Mix aus Großbauern und Entwicklungsland.

Diashow: Die letzten Reisetage durch Sojafelder in Bildern

Zum ersten Mal, in der Biografie meiner Armbanduhr bin ich von ihrem Piepsen schon um 5 Uhr aufgewacht. Ich hatte sie auch extrem dich an meinem Kopf platziert, vor allem jedoch, weil in der Tasche an der sie hängt, meine Kamera übernachtet.

Durch das frühe Aufstehen bin ich zwar dem Morgentau entkommen, doch fortgekommen bin ich erst um 10 Uhr. Dann allerdings gleich ganze 10 km in das nächste Dorf! Nicht mit dem Auto sondern mit dem Bus, denn ein illegaler Händler, der Wäsche aus Paraguay nach Brasilien schaffte, hat darauf bestanden, mir die Busfahrt am Zoll vorbei bis ins nächste Dorf zu zahlen. Die Großzügigkeit erklärte sich schnell, als er beim Aussteigen nicht bezahlte, sondern dem Fahrer ein paar Socken schenkte, die auch den Preis meiner Fahrkarte deckten. Seine Großzügigkeit lohnte sich für ihn. Beim Zoll darf er mit paraguayischer Wäsche im Wert von höchstens 150 € erwischt werden. Da er aber viel mehr dabei hatte, rechnete er damit, dass ich im Krisenfall ein paar Tüten in die Hand nehmen würde, um sie an der Polizei vorbeizuschleppen.

An der Autobahnpolizei stehen auf der einen Seite Unfallautos und auf der anderen Seite, die konfiszierten Fahrzeuge von Händlern unversteuerter Waren. Die Berge mit konfiszierten Rosthauben werden immer größer, je dichter man der paraguayischen Grenze kommt.

An der Autobahnpolizei stehen auf der einen Seite Unfallautos und auf der anderen Seite, die konfiszierten Fahrzeuge von Händlern unversteuerter Waren. Die Berge mit konfiszierten Rosthauben werden immer größer, je dichter man der paraguayischen Grenze kommt.

Nun steckte ich im kleinen Dorf São Miguel: vom Regen in die Traufe. Es gab zwar im Ort eine Tankstelle, doch von der Autobahn stattete niemand diesem einsamen Zapfsäulchen einen Besuch ab. So machte ich bis ein Uhr ein Fotoshooting mit einem Straßenkind, dem einzigen des Dorfes.

Bis Mittag hatte ich mit dem Tankwart so tiefe Freundschaft geschlossen, dass er einem Dorfbewohner die Angst vor Überfällen und Drogendealern nahm und mir damit den Weg bis nach Cascavel ebnete.

Cascavel musste ich in der prallen trockenen Hitze wieder zu Fuß bis zum anderen Ende durchqueren, wodurch ich wieder eine Stunde verlor.

Cascavel musste ich in der prallen trockenen Hitze wieder zu Fuß bis zum anderen Ende durchqueren, wodurch ich wieder eine Stunde verlor.

Die Zeit drängt, denn schon am morgigen Donnerstag sind die Ferien vorbei und ich muss wieder in den Hort und Cellounterricht geben. Aus Angst vor Urlauberstau auf der Régis Bittencourt möchte ich über Londrina fahren. Nicht weil es etwa kürzer wäre, sondern weil es weniger Mautstationen gibt, ist es Standardroute aller Lkws von Paraguay nach São Paulo,

3 Uhr war ich in Cascavel. Mit etwas glück ist São Paulo bis Mitternacht noch locker zu erreichen, doch jeder weiß, dass man Glück nur hat, wenn man es gerade gar nicht so nötig hat.

In einem der vielen Büros der Transportunternehmen fand ich einen Lkw nach Londrina, was auf dem Weg nach São Paulo liegt. Die Logistikbüros an den großen Raststätten in den wichtigen Kornstätten Südbrasiliens sind wie Schalter von Busunternehmen. Man geht hin und fragt, wann der nächste Laster in die gewünschte Stadt fährt. Es ist sogar schneller als Busfahren, da Lkws normalerweise bis zu 120 km/h Fahren, während sich Busse an die Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h halten.

Auf der Fahrt stellte sich heraus, dass der Fahrer zunächst noch weiter nach Westen fuhr, um Soja zu laden. Tja, leider erzählte er mir dass erst, als wir bereits seit einer Stunde bei vollkommender Dunkelheit über eine Sandpiste fuhren. Ringsherum waren nur Sojafelder. Es sind riesige Flächen, die von den Bauern dieses Schwellenlandes mit verhältnismäßig kleinen und alten Traktoren bewirtschaftet werden. Selbst der kleine Talhof in Heidenheim hat größere und modernere Traktoren, als die meisten Großbauern hier.

Die schöne Landwirtschaft im westen Brasiliens

Die schöne Landwirtschaft im westen Brasiliens

Dafür nutzen die Bauern Flugzeuge, um die Spritzmittel auf die Felder zu bringen. Und Brasilien ist Spritzmittelweltmeister. Über 80 % der angebauten Soja- und Erdnusspflanzen sind genverändert und kommen mit extremstarken Spritzmitteln zurecht. Viele Bauern sind dadurch nach einigen Jahren gesundheitlich ruiniert, müssen ihre Farmen verkaufen und werden meist Lkw-Fahrer.

Die großen Wellen in der Sandpiste, die jedes Mal Bauchkribbeln verursachten, verhinderten die Erosion der Staubstraße und dort wo es sie nicht gab, grub sich die Straße tief in die baumlose Umgebung ein. Doch so schön es hier auch war, von da ab war mir klar, dass ich São Paulo an diesem Tag nicht mehr erreichen würde.

Wir machten gemütlich Pause, bei einem Erdnussbauern, der mir den Erdnussanbau genau erklärt. Ein weiterer Halt ist in einem einsamen, katholischen Dorf, bei dem es heute am ersten Fastentag nur noch Eis gibt. Kein herzhaftes Stückchen mehr, da dieses Fleisch enthalten würden. Hier wehte Landluft und die Familien, die scheinbar alle in der Kirch waren, waren mit Mama, Papa und Kind vollständig. Für mich als Freiwilliger einer Favela ein ungewohnter Anblick.

Nach Mitternacht erreichten wir die Sojafirma, wo wir beladen werden sollten. Eine Schlange von 20 Lkw wartete bereits vor uns und jeder Lkw braucht eine knappe Stunde zum Beladen.

Die Lastwagen in Reih und Glied warten auf das Belladen. Fehlende Organisation in Logistig und Arbeitsprozessen fallen mir hier recht häufig auf.

Die Lastwagen in Reih und Glied warten auf das Belladen. Fehlende Organisation in Logistig und Arbeitsprozessen fallen mir hier recht häufig auf.

Ich schlief im Anhänger und wachte von der Sonne auf. Der nächste Tag konnte ruhig angehen, denn wir wurden sowieso nicht mehr beladen. Schlussendlich konnte ich dort jedoch noch Lkw wechseln und kam spät abends noch in Londrina an, wo ich in der Fahrerkabine eines Lkw schlafen konnte.

Den nächsten Tag verbrachte ich komplett an der Straße.

Erst abends um 6 Uhr nahm mich ein Lastwagen aus Foz do Iguaçu mit, nachdem mir quasi zeitgleich ein junger, kollegialer Chef eines Transportunternehmens eine Mitfahrmöglichkeit organisiert hatte.

So kam ich doch sicher und wohlbehalten zu Hause an, wenn auch erst Freitag um Mitternacht anstelle von Mittwochabend. Die Reise war es aber sicherlich Wert.

Paraná, extreme Landwirtschaft und Exportweltmeister.

Paraná, extreme Landwirtschaft und Exportweltmeister.

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