Einmal im Jahr zeigt sich São Paulo als besonderes Kulturzentrum. 24 Stunden, beginnend am Samstagabend um 6 Uhr, gibt es kostenlose Shows, Workshops und Theater im ganzen Zentrum und auch in den außerhalb liegenden Parks. Und Brasilianer feiern hier – mit allen Drogen, die das Feiern aufpeppen. 

Photostrecke mit 50 Bildern: São Paulo bei Nacht.

Wie ein U-Boot tauchen wir an der Busstation „Bandeiras“ im Zentrum von São Paulo auf. Hier erblicken wir ein satt gefülltes Stadtzentrum, das besonders an großen Kreuzungen ein Durchkommen unmöglich macht.

Menschen ohne Ende

Menschen ohne Ende

Der Verkehr ist größtenteils gesperrt oder umgeleitet und auf der Straße sind Trommelclubs, Showbühnen und jede Menge bewegte Menschen. Viele schräge Vögel sind unter ihnen. Es ist kein langweiliges Völkchen sondern oft verkleidete und herausgeputzte Partyhasen, zwischen denen sich verdreckt und verschwitzte „Müllionäre“ tummeln, die die alten Bierdosen in ihre großen Müllsäcke hamstern.

Zu Fuß geht es weiter durch die nächtlichen Straßen. Die Kamera in der Hand stelle ich fest, noch nie so gerne durch eine Stadt geschlürft zu sein. Sonst ist es immer heiß, langweilig „nichts los“ und trostlos. Jeder kennt das, dass die meisten Städte nie so interessant sind, wie sie im Reiseführer aussehen. Doch heute komme ich aus dem gucken nicht mehr raus. Ein Freund macht mich drauf aufmerksam, dass ich doch wenigstens beim Glotzen den Mund zumachen soll.

Afrikanische Trommelrhythmen

Afrikanische Trommelrhythmen

Die Stadt sieht man in der Dunkelheit zwar nicht so gut, dafür aber die Menschen. Eigentlich sind doch sowieso die Menschen die Stadt; die Gebäude nur Gemäuer. Und im Nu habe ich bereits Hunderte Portraits im schwachen Licht der Straßenlaternen geschossen. Es fasziniert mich einfach, dass unter diesen tausend Menschen kein Einziger gleich aussieht.

Gut verteilt in der Menschenmenge transportieren Männer, Jugendliche und überarbeitete Frauen schwere Gefriertruhen auf Wägen, vor dem Bauch oder auf dem Kopf, aus dem Sie gekühltes Bier und Wein in Plastikflaschen verkaufen. Dazwischen stehen auf den Straßen Wägelchen mit kleinen Grills, Kochtöpfen oder Glühlampen, von denen Grillspieße, Maiskolben und Chips verkauft werden. Wie eine aufgescheuchte Horde Hasen traben sie mit ihren Wägen schnell davon, sobald Polizisten sich nähern.

Der Geruch von genüsslich gerauchtem Hanf hängt überall in der Luft, selbst 3 Meter neben den Polizisten. Erst recht auf dem „Palco São João“ und der Metrostation „Julio Prestes“, welche die Hauptbühnen für Reggae und „Peace and Love music“ darstellen, wird die Hanfwolke über São Paulo immer dichter, je später es wird. Die Polizei ignoriert das illegale Tun mit vollem Bewusstsein. Heute ist Virada Cultural, von der Stadtverwaltung organisiert und finanziert und zu gut besucht, um die Gesetzesgewalt über friedliche Rasterfaris auszuüben.

Polizeiaufgebot umringt von Drogen und Kriminellen.

Polizeiaufgebot umringt von Drogen und Kriminellen.

Je später es wird, desto mehr Besucher schlafen auch auf den Straßen, in der Gosse oder einfach zwischen den Menschenmassen auf den Straßen. Scheinbar recht friedlich wie Osterlämmer. Immer mehr Besuche verzeichnen auch die Erste Hilfe Stationen am Rande der Showbühnen, wo nun kräftig erbrochen werden darf. Langsam kristallisiert sich an manchen Orten heraus, wem es auf Kultur ankommt und wer auf den Reiz von Alkohol und Drogen angewiesen ist.

Viele kritisieren Virada Cultural deswegen, weil 24 Stunden Kultur am Stück einfach nicht machbar sind. Kein Mensch kann also das Angebot nutzten, so gerne er auch wollte. Da die Stadt den größten Teil des kulturellen Budgets in diese Nacht steckt, bleibt die 20 Mio. Metropole für den Rest des Jahres recht kulturlos. Doch auch verständlich, denn wenn wir uns überlegen, wie überlaufen jeglichen kostenlosen kulturellen Veranstaltungen sind, verteilt sich hier der Besucherandrang auf 24 Stunden, weil keiner die ganze Zeit durchhält.

Sonntagabend: Die Straßen sind leer und die Müllmänner warten auf den Startschuss zum Fegen.

Sonntagabend: Die Straßen sind leer und die Müllmänner warten auf den Startschuss zum Fegen.

Morgens fahre ich zurück nach Hause. In der Metro schlafe ich ein bisschen und doch die plötzliche Dämmerung bin ich zu Hause und fühl mich topfit. Erst um 9 kommt die Müdigkeit, wodurch ich bis um 3 Uhr schlafe, um wieder ins Stadtzentrum zu fahren und das Wochenende bis 21 Uhr bei Sambakonzerten gemütlich ausklingen zu lassen.

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