Gerade kommen wir zurück von der Orchesterfreizeit des fortgeschrittenen Orchesters von Monte Azul, das von Gründonnerstag bis Ostersonntag auf einem Landanwesen in den Bergen des atlantischen Regenwaldes stattfand. Der, nicht nur für die Kinder einzigartige Ausflug, unter der freien und einfühlsamen Leitung von Renate Ignacio-Keller (eine Mitgründerin von der Einrichtung Monte Azul) war ein Erlebnis der Klänge, der Natur und rituellen Menschlichkeit. 

Bildstrecke 27 Fotos: Probem im Regenwald

Der Kleintransporter der Associação Comunitária Monte Azul brachte unser 12-köpfiges Orchester zwei Stunden Autofahrt (ohne Stau) südlich von São Paulo in ein Ferienhaus mitten im Wald, welches nur über einen steilen Kiesweg zu erreichen ist. Diese „Sitiu“ wird von drei Frauen und ihren Adoptivkindern bewohnt, die in São Paulo, ähnlich wie Monte Azul, Kindergärten haben und in einem Zirkus aktiv sind. Kindergarten und Zirkus sind insbesondere für aidskranke Kinder, Waisenkinder und Jugendliche offen. Der Zirkus heißt „Ponte das Estrelas“ und auch sie sind sicherlich eine spannende Organisation für Freiwillige aus der ganzen Welt.

Die „Sitiu“ war eingerichtet für Zirkusfreizeiten und so fanden wir mit Betten, großer Küche und Probenraum den idealen Ort für unser Orchester vor. Eine der Hausmütter verwöhnte uns gar mit einer leckeren Küche und mit den 3 Jugendlichen vom Zirkus übten wird Diabolospielen und Jonglieren. Dazu bot das, abseits von Straßen und Lärm gelegene, Anwesen gar noch ein Swimmingpool, wo die Favelakinder eifrig schwimmen übten, was keines von ihnen vorher konnte.

Renate hatte es den Kindern überlassen, den Tagesplan festzulegen. Einzige Vorgabe war, dass wir zwei Stunden am Vormittag und eineinhalb Stunden am Nachmittag proben. Selbstständig entstand so ein flotter Tagesablauf, mit einer Wanderung, gemeinschaftliche Spielzeiten am Abend und einer Mutprobe angereichert war. Bei der Mutprobe im Dunkeln mussten die Kinder alleine durch den Garten zu einem Feuer laufen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie viel Angst Favelakinder vor der Natur, besonders bei Nacht, hatten, doch das gemeinsame Singen am Feuer und das Stockbrotbracken, schweißte alle umso mehr zusammen.

Renate macht der zweiten Geige etwas vor.

Renate macht der zweiten Geige etwas vor.

Mit dem klugen Griff die Kinder einen eigenen Tagesablauf machen zu lassen, hatte Renate die Verantwortung schon ganz auf die Schüler übertragen. Es gab kein Aufstand beim ins Bett gehen und vom frühen Aufstehen bis zu den Spüldiensten organisierten sie alles alleine. Renate blieb dadurch nur noch das Leiten der Proben übrig.

Und das gelang ihr ausgesprochen gut. Schon vorher hatte sie schöne Stücke ausgesucht und, obgleich viele Schüler nur Unterricht von deutschen Freiwilligen erhielten, war ich schlussendlich über das Ergebnis mehr als erstaunt. Bei den Proben wurde viel auf Sauberkeit geachtet. Doch es wurde nie mehr als nötig unterbrochen und so blieb der Schwung erhalten und, was mich erstaunte, auch der Spaß der Schüler. Jeder weiß, dass Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren eigentlich nichts anhören, was nicht elektrisch verstärkt ist, doch Renate hat hier das Gegenteil bewiesen. Sie hat eine Menge Humor und durch ihre durchdachte und nette Haltung den Schülern gegenüber, hat sich jeder beachtet und verstanden gefühlt und aus Spaß am Spielen, war unter den Mädchen stets eine freundschaftliche Beziehung. Und zwar auf so schöne Weise, dass selbst die Schüler am Ende noch nicht heimfahren wollten.

So kann ich mich hoffentlich auf weitere Ausflüge mit dem Orchester freuen!

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