… müssen sich manche Regierungs- und Wirtschaftsvertreter gedacht haben, denen es ein Dorn im Auge ist, dass die Mehrzahl der Ureinwohner nicht wählen geht, nichts einkauft und in völliger Unabhängigkeit von Industrie und Politik lebt. Es kann aber auch nur ein Politiker mit besonders großem Herz für Indigene gewesen sein, der versprach, dass über kurz oder lang, jeder im Urwald die Möglichkeit hat, Licht anzumachen, wenn es Nacht wird. Wie auch immer „Strom für alle“ bringt Wohlstand und Bildung in den dämmrig-feuchten Regenwald, könnte aber auch die Ureinwohner in ernsthafte kulturelle Probleme stürzen – und die Natur gleich mit.

Luz para todos“ (Licht für alle) ist ein Projekt der brasilianischen Regierung, womit jedem Indianer oder Urwaldbewohner auf Staatskosten die Infrastruktur für eine 24-Stündige Stromversorgung bereitgestellt wird. Hierzu werden bereits Schneisen in den Urwald geschlagen, um die Hochspannungsleitungen zu legen. Den Strom selber muss selbstverständlich der Nutzer zahlen.

Schneisen für Stromleitungen im Urwald werden gebaut.

Schneisen für Stromleitungen im Urwald werden gebaut.

Von den meisten Anwohnern wird dieses Projekt recht erfreut angenommen, da sie sich in der Einsamkeit von der Regierung beachtet fühlen, (andersherum wahlkampftechnisch wichtig) und weil sie es für einen Schritt der Modernisierung halten. So werden in den einsamen Naturidyllen auch bald den ganzen Tag ohrenbetäubende Musikanlagen und Fernseher laufen.

Ich sehe das ganze Projekt, dennoch recht skeptisch, wozu es einige Gründe gibt.

Der Hauptgrund ist die kulturelle Verarmung durch die dadurch möglichen elektronischen Unterhaltungsmedien. Mit dem Strom werden Fernseher und große Musikanlagen recht schnell die Hütten füllen, die Ruhe stören und damit letztendlich die indigenen Kulturen beenden. Wie ich aus Besuchen verschiedener Dörfer am Rio Negro berichten kann, die bereits Strom hatten, laufen Musik und Fernseher in voller Lautstärke, scheinbar pausenlos.

In stromlosen Dörfern wurden wir stets begrüßt und herumgeführt. Wir sahen Kinder im Wald und im Dorf spielen. Gepflegte Häuser, Kunstgegenstände und beschäftigte Menschen. In Dörfern mit 24 Stunden Strom hörten wir schon von weitem Funky, Rock und Samba. Die Dörfer sahen verlassen aus, wie leer gefegt. Es gab mindestens eine Bar, was bedeutet, dass es den Einwohnern langweilig ist, oder sie soziale Kontakte suchen. In den Hütten waren die Blicke unentwegt auf die Bildschirme gerichtet und auf den ersten Blick waren allgemein die Bäuche und Hüften dicker, als dort, wo man noch den ganzen Tag draußen sich beschäftigen musste. In diesen „modernen“ Orten hatten wie nie Lust verspürt, länger zu verweilen. Es ist trostlos und nix los.

Die freiliegenden Stromleitungen in den Dörfern werden stetig erweitert.

Die freiliegenden Stromleitungen in den Dörfern werden stetig erweitert.

Weiter Gründe, warum ich dieses Projekt kritisiere, sind Folgende:

  • Durch die Werbung im Fernseher werden die Menschen auch zu verstärktem Konsum geführt und ziehen leichter in die Städte. Ein Vorteil für die Industrie, aber eine Zerstörung der bisher intakten Indianerstämme im Urwald. Denn wer was kaufen will, möchte Geld verdienen und dafür muss man unweigerlich in die Städte. Kein Jugendlicher wird sich weiterhin in den Indianerdörfern aufhalten wollen.
  • Die Indianer im Urwald haben eigentlich gar kein Geld, um Strom zu bezahlen. Wenn er aber geliefert wird, werden sie ihn nutzen und dadurch in finanzielle Abhängigkeit der Stromkonzerne gelangen, oder zum Arbeiten in die Städte umsiedeln. (Zerstörung der Indianerstämme)
  • Die Einzigen, die finanziell von dem Plan profitieren, sind die Stromkonzerne, da das Urwaldgebiet bisher durch die vielen privaten Generatoren ein unerschlossenes Gebiet ist, welches ein neuer Markt werden soll. Subventioniert durch die kostenlose Infrastruktur des Staates.
  • Was gravierendere Schäden der Umwelt verursacht sind große Staudammprojekte, die nicht nur wegen „Luz para todos“ (Licht für alle) im Urwald gebaut werden, jedoch mit diesem Wohlstandsangebot für alle gerechtfertig werden. Besonders für die industrielle Erschließung der Urwaldregionen braucht es größere Stromquellen als die bisherigen Generatoren, die mit teurem Diesel betrieben werden.
    Doch mit „Licht für alle“ wird in gewisser Weise den Ureinwohnern klar gemacht, wer Strom haben will, muss auch zulassen, dass er erzeugt wird. Und da fast alle Indianer Strom als notwendigen Fortschritt im eigenen Leben sehen, brechen Stromkonzerne und Regierung damit den Widerstand der Indianer gegen Umsiedlung, Umweltzerstörung und Trockenlegung weiter Urwaldgebiete und machen den Weg frei für Staudammprojekte wie in „Belo Monte“.
    Siehe „Urwaldzerstörung für Stromversorgung“. Wie reiner Urwald im Staat „Tocantis“ einem Staudamm für Energieerzeugung weichen soll. Ein Megaprojekt mit deutscher Beteiligung.

Wir werden sehen, wie konsequent das Versprechen „Licht für alle“ durchgeführt wird. Wie es bisher aussieht, werden keine Stromleitungen durch Naturreservoirs gelegt. In Naturreservoirs dürfen auch keine Indianer leben. (Gesetzlich dürften sie es sogar. Sie dürften aber keine Bäume fällen, kein Feuer machen, nicht Angeln und Jagen – was für sie überlebenswichtig ist- und nicht in den Wald kacken; rein aus Umweltschutzgedanken). Indianerreservoirs zählen leider nicht zu Naturreservoirs, doch werden diese oft schützend von Naturreservoirs umgeben. Aber selbst sehr abgelegene Stämme und Siedlungen werden neue Generatoren erhalten, laut dem Versprechen.

Die staatliche Behörde für die indigenen Völker: Hier ist man der Überzeugung, jeder Indianer braucht 24 Stunden Strom.

Die staatliche Behörde für die indigenen Völker: Hier ist man der Überzeugung, jeder Indianer braucht 24 Stunden Strom.

Dieses Projekt der Urbanmachung des Urwaldes soll zeigen, dass die systematische Ausbeutung und Vertreibung der Ureinwohner ein Ende hat. Denn jetzt kümmert sich jemand um die „vergessenen Seelen“. Doch ich halte es immer noch für eine getarnte Gabe an Industrielle und Konsumkämpfer, die dieses Gebiet eigentlich profitorientierter nutzen möchten. Indianer werden in der Öffentlichkeit über ihre rückständige Kultur belächelt und sie versuchen daher selber wiederum ihre Dörfer zu christianisieren, Schulen einzuführen und gesundheitlich Pauschalimpfungen aller Art widerstandslos zuzulassen, um als modern und „schlau“ zu gelten. Daher freuen sie sich offen über Strom.

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