In ganz Südamerika gibt es eine Nichtregierungsorganisation, die für bedürftige Menschen in Slums Holzhütten baut. Ihr Name ist „Um teto para meu Pais“ (Ein Dach für mein Land) und sie ist vollständig von freiwilligen Mitarbeiter organisiert. Nach einem zweistündigen Seminar bin ich nun auch Freiwilliger von UTMP und habe mit dem Untersuchungsteam am Sonntag eine entfernte Favela besucht, um herauszufinden, welche Familien am bedürftigsten sind, wo wir bauen können und wie wir die Infrastruktur dazu lösen können. 

125 Fotos von Armenvierteln in São Paulo

Auf dem Rücken der 10 Frauen und Männer in weißen T-Shirts, die die steile Vorortstraße hochlaufen, steht „Voluntario“ und darunter ein Globus, zentralisiert auf Südamerika, über welchem ein Dach ist. Wir Freiwilligen von „Um teto para meu país“ suchen an diesem friedlich und frischen Sonntag, das Slum „Favela da Paz“.

Freiwillige Studenten der Oberschicht lernen durch “Um teto para o meu pais” das tiefe Problem ihres eigenen Landes kennen.

Freiwillige Studenten der Oberschicht lernen durch “Um teto para o meu pais” das tiefe Problem ihres eigenen Landes kennen.

Es ist bereits außerhalb São Paulos. Keines der umgebenden Häuser hat Putz über den roten Ziegeln. Eine einfache Arbeitergegend. Der brasilianische gesetzliche Mindestlohn von knapp 300 € (570 Reais), den vom Bauarbeiter, Zimmermann bis zum Elektriker alle bekommen, genügt nicht für ein anständiges Leben. Doch wer gesund ist, am Wochenende an den Ampeln Süßigkeiten verkauft oder bei Freunden putzt, kann sich ein solches unverputztes Haus aus Stein, mit zwei kleinen Zimmern, Küche und Bad leisten. Je größer die Familie, desto kleiner das Haus. In dem einen Zimmer schlafen die Eltern mit den Kleinkindern, im anderen schlafen alle anderen. In Matratzenlagern und, wer es sich leisten kann, in Stockbetten.

„Aqui nao tem uma favela“ stelle ich fest und ziehe bereits meine Kamera, die mir aus Angst vor Favelas, vorher verboten wurde, zu nutzten. Ein rundlicher Mitarbeiter vom Organisationsteam drückt sie schnell mit seiner starken Hand zurück in meine Bauchtasche. Ihm ist der Junge im verwaschenen, ehemals roten T-Shirt aufgefallen, der in seinen zerrissenen Shorts zwischen zwei Häusern hervorkommt.

Diese schmale, steile Treppe steigen wir nun hinunter. Eine Treppe ist allerdings übertrieben. Es sind ein paar spitze Betonbrocken in den rutschigen Schlamm geschmissen, aus denen noch die Stahlträger herausgucken. Es ist reines Bergsteigen, nach dem nächtlichen Regen, auf diesem Pfad in die Favela zu kommen. Doch es ist der einzige Zugang, zu diesem verbotenen Land. Unten wage ich einen beherzten Sprung über eine braune Pfütze, in der neben ein paar Joghurtbechern eine Windel schwimmt. Eine Frau in Flipflops schlürft einfach durch die Pfütze durch und dahinter den gefährlichen Trampelpfad auf die Straße hinaus. Sie ist zu alt, zu dick und zu schwach über die Drecklache zu springen. Auch scheint ihr der Dreck in gewisser Weise egal zu sein, zumindest hat sie sich daran gewöhnt und es gelernt zu akzeptieren. Ich möchte mir nicht vorstellen, was bei einem Sturz auf diesem Anstieg zwischen Müll, Betonkanten und spitzen Eisenträgern passieren würde. Hier einmal alt zu sein, geht mir ebenso wenig in den Kopf, als hier zu wohnen oder sich häuslich einzurichten.

Wir werden noch einmal angewiesen, immer zu zweit unterwegs zu sein, höchstens eine halbe Stunde bei einer Familie zu verbringen, keine Frage unseres handlichen Fragebogens offenzulassen, und nach jeder Inspektion einer Bretterbude uns beim Einsatzleiter zu melden. Dann wird meinem Partner und mir gleich die erste Hütte zugeteilt.

Zwei Jungs haben Bananen von einer Staude am Favelarand abgeschnitten und tragen sie nun in ihre Hütte um sie dort ausreifen zu lassen.

Zwei Jungs haben Bananen von einer Staude am Favelarand abgeschnitten und tragen sie nun in ihre Hütte um sie dort ausreifen zu lassen.

Sie misst 3 mal 3 Meter, Wände aus verschiedenen kleineren Brettern und ein Dach aus Asbestplatten. Auf den ersten Blick sieht sie verlassen aus, doch als wir an die Eingangstür treten, kommt hinter der Hütte eine kleine, magere Frau hervor. Ich schätze sie auf Anfang vierzig, mit vielen Sorgen und einer schweren Krankheit. Im folgenden Gespräch stellt sich heraus, sie ist ungefähr 23, genau weiß sie das nicht, ist bis 14 Jahre in die Schule gegangen, hat mit 16 geheiratet, inzwischen zwei kleine Kinder und hält sich für kerngesund.

Ihr Mann hingegen wird von allen „Kleiner“ genannt. Er sitzt drinnen auf dem Sofa, vor einem sehr alten schwarz/weiß Fernseher, auf welchem ich nur Flimmern erkenne, und ist tatsächlich sehr klein und mager. Zudem hat er seit einem Jahr Herzprobleme, kann nicht mehr arbeiten und, da er auch nicht den steilen Pfad aus der Favela meistern kann, muss seine Frau für ihn die kostenlosen Tabletten gegen die Schmerzen abholen.

Die Hütte ist unübersichtlich, wenn sie auch nur 6 Quadratmeter misst. Die Türe geht nicht ganz auf, weil sie gleich an ein Doppelstockbett an der gegenüberliegenden Wand stößt. Das Bett wird größtenteils als Ablage von Wäsche genutzt. Erst als ich hinter einen Wäschekorb schaue, der ein Teil des unteren Bettes zu einer dunklen Höhle verwandelt, sehe ich zwei Kinder auf der zerrissen und verschmutzten Matratze sitzen. Bettbezüge nutzten die wenigsten Bewohner. Der Junge, dessen kleine Hand ich halten kann, ist 2 Jahre alt. Das 5-Jährige Mädchen dahinter, welches einen der seltenen Kindergartenplätze ergattert hat, macht sich lieber ganz klein, als ich ihren Arm suche. Die halb geöffnete Türe versperrt den Weg, vorbei an einem aufgeweichten Pappkarton, in dem Geschirr aufbewahrt wird, zu dem Herd in der letzten Ecke, auf dem sich dreckiges Geschirr stapelt. Das Wasser wurde abgestellt und anders als die Bewohner an der Straße, haben die Favelabewohner kein Wassertank auf dem Dach.

Drinnen ist es genau so kühl wie draußen. Auch stinkt es nicht schlimmer als draußen, da vor dem Fenster nur ein altes Küchentuch als Sichtschutz hängt. Schließen, kann man es genauso wenig wie die zu kleine Türe am Eingang, und wenn es regnet und etwas windet, wird drinnen das Sofa unter dem Fenster nass. Das Schlimmste ist aber, dass bei jedem Regen die Schlammpampe von der Straße, den steilen Pfad hinunter in die Favela und direkt in die Hütte gespült wird. Auf dem Betonboden liegen einige Zentimeter Schlamm und die Wand droht jederzeit von den Schlammmassen auf der Außenseite eingedrückt zu werden.

Dann steht plötzlich ein dicker Mann im Eingang. Er drückt uns allen die Hand und setzt sich auf das Bett, wodurch die Kinder hinter ihm und dem Wäschekorb nun gar nicht mehr zu sehen sind.

Als dem „Kleinen“ vor gut einem Jahr das Herz schlappmachte und er nicht mehr arbeiten konnte, hatte ihm die Kirche/Sekte dieses Haus gebaut, unter der Bedingung, dass er in diese Sekte eintreten würde. Ihm blieb keine andere Wahl und so hat er nun immerhin eine Bretterbude mit Betonboden, auch wenn diese an einer Stelle steht, wo sonst niemand baut und der Betonboden stets mit Schlamm überschwemmt ist.

Der Pfarrer sieht unsere Hüttenbau-Aktion kritisch, doch für die 4-Köpfige Familie in der löchrigen Einzimmerhütte sind wir die Engel. Zum Abschluss müssen wir noch einmal klarstellen, dass wir erst einmal analysieren, und dass wir längst nicht für jede bedürftige Familie ein Haus bauen können. Doch dann gibt mir selbst das kleine Mädchen auf dem Bett ein Abschiedskuss, nachdem sich der Pfarrer wieder aus der Hütte gewuchtet hat.

Beim Einsatzleiter füllen wir den Fragebogen vollständig aus. Es fehlt an allem. Beim Kästchen, wie hoch wir den Bedarf der Familie an einer unserer Hütte einschätzen, kreuzen wir „sehr hoch“ an. In diesem Teil der Favela finden unsere 5 Investigationsteams insgesamt 7 Familien, deren Bedarf einer neuen Hütte als sehr Hoch eingestuft wird. Dabei ist die Hütte unserer Organisation auch keine Luxusvilla. 3 mal 6 Meter, kein Wasser, kein Strom und keine Glasfenster. Dafür steht sie allerdings auf Stelzen einen halben Meter über dem Schlamm. Sie hat ein wasserdichtes Dach und ist verschließbar, wodurch man Wertsachen, Frau und Töchter vor ungebetenen Männern schützten kann. Darüber hinaus ist sie bei einem Umzug der Familie vollständig abzubauen und mitzunehmen.

Letzteres ist wichtig, da alle Hütten illegal erbaut wurden. Die Favela steht auf staatlichem Land und so könnte sie jederzeit eingerissen werden. Doch insbesondere, dort, wo Familienclans zusammenleben und Eltern, Großeltern, Geschwister und Schwiegereltern beim Bau helfen, entstehen recht ordentliche Hütten, deren Bewohner kein Interesse an unseren Baracken haben.

„Freiwilliger“ steht auf dem Rücken meines Kollegen, als wir in der Favela “da Paz” Befragungen durchführen.

„Freiwilliger“ steht auf dem Rücken meines Kollegen, als wir in der Favela “da Paz” Befragungen durchführen.

„Um teto para meu país“ (UTPMP) wird vollständig von freiwilligen brasilianischen Studenten organisiert. Die NGO hat lediglich drei bezahlte Direktoren für Finanzen, Logistik und den Bereich der Freiwilligen. Alle anderen Mitarbeiter, größtenteils Akademiker, setzten sich neben Studium und Beruf ehrenamtlich für die Unterschicht ihres Landes ein. Und darin liegt ein weiterer positiver Impuls von UTPMP: Die vollständig aus brasilianischen Spenden finanzierten Hilfstrupps zeigen durch ihre Arbeit in Favelas den, meist reichen Studenten und Freiwilligen die arme Seite Brasiliens. Somit hilft sich Brasilien hier selber. Keine ausländischen Entwicklungshelfer und keine Entwicklungspolitik stecken dahinter.

Die Spenden fließen fast ausschließlich in die Herstellung der Holzhütten und in die Logistik für die Konstruktion in der Favela, für die aller ärmsten Familien Brasiliens. Durch die vielen Freiwilligen fließt kein Geld in Verwaltungs- und Untersuchungsaufgaben und zudem ist die Spendenpolitik auf der Website vollständig transparent einzusehen.

Ich selber bin nun „offizieller“ Freiwilliger im Bereich der Untersuchung von Armenvierteln im Großraum São Paulos. Eine sehr interessante Ergänzung zu der Arbeit, die ich in Monte Azul verrichte. Meinen Kindern in Monte Azul geht es bereits viel besser, als denen, deren Hütten ich in ein Raster eines Fragebogens einpasse. Unsere kulturelle Arbeit in Monte Azul gibt den Kindern Perspektiven und unterstützt sie dabei, später vielleicht einmal die Welt zu verbessern. In den Favelas, wo UTPMP arbeitet, fehlt es auch Kultur, Bildung, Hoffnung und Freude, doch ist der materielle Schritt mit einer sicheren Holzhütte auf Stelzen vielleicht der Anfang zu einem kulturellen Leben. Denn nach 9 Monaten in Brasilien bin ich zwar noch nicht weise, doch ich glaube, ob man noch haust oder schon lebt, hängt nicht nur vom IKEA-Mobiliar und der Wohnlage ab, sonder auch von dem, was der einzelne innerlich aus seinem Leben macht.

Advertisements