Land ins Sicht! Dieser letzte Zwischenbericht vor dem Ende meines freiwilligen, sozialen „weltwärts“-Jahres hier in São Paulo ist geprägt von Zeitdruck. Habe ich noch soeben den zweiten Zwischenbericht mit Ideen, die ich endlich verwirklichen wollte, verfasst, so verging die Zeit seither wie im Flug und nur noch 3 Monate bleiben mir in Brasilien. Nicht alles ist mehr zu erreichen, dafür kehrt nun eine gewisse Gelassenheit ein und auch bereits etwas Zufriedenheit über das Erreichte. Ich habe Routine im Alltag, dicke Freunde und kaum noch Probleme mit der Sprache.

Grundsätzlich bin ich mit Hort, Cellounterricht und Tischtennistraining am Sonntag immer noch in den gleichen Bereichen tätig, wie zu Beginn meines Dienstes. Lediglich das „Pontinho de cultura“ mit den lebhaften Kindern in der Favela wurde mir etwas zu viel im Tagesplan und so besuche ich es nur noch vereinzelt.

Dagegen hat durch eine schöne Orchesterfreizeit, auf der die Schüler Unglaubliches zustande brachten, mein Cellounterricht neuen Aufschwung bekommen. Vorher zweifelte ich etwas, ob Cellounterricht für die brasilianischen Kinder, deren Musikstil ganz woanders liegt, wirklich das richtig ist, da es klassische Musik in der brasilianischen Kultur nicht gibt, so wie es durch die klassischen Komponisten in Europa vertreten ist. Oft haben meine Schüler das Cello lieber zum Trommeln benutzt oder legten den Bogen beiseite, um auf dem Cello wie auf einer Gitarre zu zupfen. Viele baten mich auch, ob ich ihnen nicht lieber Gitarrenunterricht geben könnte. Doch auf der Orchesterreise wurde mir klar, wie viel die Schüler im klassischen Musikstil erreichen können und wie viel Spaß sie dabei haben und dementsprechend sehe ich in meinem Unterricht nun einen wirklichen Sinn zur Gestaltung der Menschen und nicht mehr nur eine pädagogische Beschäftigungstherapie für teilweise verhaltensauffällige Kinder.

Julia (li.) im im Orchester bei der Eröffnung der Musiktage im Centro Cultural von Monte Azul

Julia (li.) im im Orchester bei der Eröffnung der Musiktage im Centro Cultural von Monte Azul

Ein Beispiel ist Julia, Skateboarderin und eine meiner aufmerksamsten Schülerinnen vom ersten Tag an. Während sie anfangs recht schüchtern und stille war, ist sie, seit sie mir von ihrem Traum erzählt hat, Musik zu studieren, sehr offen und freudig dabei. Bei chromatischen Tonleitern, fröhlichen Melodien oder wenn etwas besonders gut klappt, muss sie manchmal einfach lachen. Ein Lachen, das reine Freude und Sorglosigkeit ausdrückt, hervorgerufen durch die Musik. Sie ist zwar im Unterricht nicht übermäßig talentiert, auch weil in ihrem Lebensumfeld niemand etwas von Musik versteht, doch da sie das Cello immer mit nach Hause nahm und dort fleißig übte, hat sie es, seit ich hier bin, erstaunlich weit geschafft. Doch unglücklicherweise sind nun andere Schüler auf ihr Cello angewiesen und so muss sie es in Monte Azul lassen und kann es nicht mehr mit nach Hause nehmen. Der Fortschritt ist dadurch leider erstmal etwas gebremst und daher die Bitte:

Wer hat ein ¾ Violincello, dass er an Monte Azul spenden könnte?

Beim Transport nach Brasilien sind wir selbstverständlich behilflich!

Auch in meiner Hortgruppe hat sich einiges getan. Wir haben einige neue, ältere Kinder von einer anderen Hortgruppe, die aufgrund disziplinarer Schwierigkeiten aufgelöst werden musste, bekommen. Auf einem Gruppenausflug in einem Naturpark hatten meine Gruppenleiterin und ich demnach ebenfalls ernsthafte Disziplinprobleme, und nur durch absolute Zusammenarbeit, Humor und konsequentes, entschiedenes Handeln, hielten wir die Situation unter Kontrolle. Seither genieße ich mehr Respekt bei meiner Hortgruppenleiterin und den Kindern, was die Stimmung im Hort und die Mitarbeit der Kinder in schöner Weise steigert.

Privat habe ich mit den Kindern meiner Gastfamilie ein sehr schönes Verhältnis aufgebaut. Wir singen zusammen, ich gebe ihnen Deutschunterricht und wir machen zusammen Formenzeichnen und andere Dinge, die die beiden Mädchen aus der Schule und von Monte Azul mitbringen.

Innerlich steht bei mir bereits mein Studium in Deutschland nach meiner Rückkehr im Vordergrund. Mein soziales Jahr hat mich in der Entscheidung bestärkt, Maschinenbauingenieur und erneuerbare Energien zu studieren und damit dann, eventuell in Entwicklungs- und Schwellenländern, Energiesicherheit und Naturschutz voranzutreiben. Lediglich die Entscheidung, wo ich studieren werde, steht noch an, bevor es für mich zurück in die heimatlichen Gefilde geht. Einen Tag, dem ich mit Schrecken und Freude entgegenblicke …

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