Japschland-Schwegen ist eine neue Nation auf brasilianischem Boden und setzt sich zusammen aus den gleichen Zutaten wie unsere Freiwilligen-WG: Japan, Deutschland, Schweden und Norwegen. Amtssprache ist Englisch und etwas Portugiesisch. Deutsch wird ebenfalls als Geheimcode einer Ethnie verwendet, wohingegen Japanisch, Norwegisch und Schwedisch nur in Tagebüchern und privaten Mails auftreten. In Japschland-Schwegen herrscht direkte Demokratie, das heißt, auf Präsidenten und Repräsentanten wird verzichtet – genauso wie auf Atomenergie.

Ursprünglich waren es nur Deutsche, die das Regierungsgebäude in einem Nebensträßchen im südlichen Vorort von São Paulo bewohnten. Die kleine Hütte mit einem schmalen Vorhof und umgeben von einer hohen Mauer auf deren Außenseite : „Fucking Gringos, I love you“ gesprayt wurde, wird im Untergeschoss von einer brasilianischen Familie bewohnt.

Wiebke und ich waren die ersten (und am Anfang die einzigen) im Voluhaus.

Wiebke und ich waren die ersten (und am Anfang die einzigen) im Voluhaus.

Zwischen Japschland-Schwegen und Brasilien herrscht ein friedliches, familiäres Klima, wenn dieses nicht gerade durch nicht enden wollende Festas in Japschland-Schwegen, oder durch den Dauerkläffer der brasilianischen Familie etwas abkühlt.

Doch als verschiedene deutsche Freiwillige nach ihrem sozialen Jahr wieder in ihre Kartoffelnation rückemigrierten, erlebte unser Haus eine regelrechte Immigrationswelle zunächst aus Japan, doch bald schon aus Norwegen und zum Jahreswechsel gar aus Schweden.

Immigranten sind immer unbequem, denn man muss seine eigenen Gewohnheiten ändern und teilweise aufgeben und so konnten Wiebke und ich, schon seit dem ersten Tag an dickste Freunde, unseren lockeren Führungsstil der deutschen WG nicht mehr halten. Tsubasa, der neue Japaner, legte Wert auf Sauberkeit und System in der Ordnung, was er jedoch aufgrund der japanischen Zurückhaltung nie direkt gesagt hat. Auch beginnt er jeden Satz mit „vielleicht“ und als ich ihn fragte, ob es ihn störe, dass Wiebke und ich bisher dreckiges Geschirr einfach stehen ließen, mit der Zuversicht, dass einer von uns zur rechten Zeit schon Lust aufs Abwaschen hätte, antwortete er in seinem verzettelten Englisch, bei dem er jeden Vokal so lange zieht, bis ihm das nächste Wort einfällt: „yea, maybe I think it is nice maybe.“ Das war nach einem halben Jahr, in dem er es schweigsam erduldet hatte. Doch ich kannte ihn bereits so gut, dass ich aus diesem Wirrwarr an Wörtern heraushörte, dass es ihn freuen würde, wenn wir alles sofort abwaschen würden.

Tsubasa, Japanischer Botschafter im Voluhaus von Monte Azul

Tsubasa, japanischer Botschafter im Voluhaus von Monte Azul

Genauso wie Lockerheiten im Voluhaus, erdulden Japaner das Beben und deren Folgen in Japan, so scheint es mir. Die Tsunamikatastrophe mit Aussichten auf einen atomaren Supergau, der in Deutschland 60.000 Menschen auf die Straße bringt und alle Parteien zur Atomwende bewegt, wird hier selten angesprochen. Seine Familie sei auch nicht direkt in Gefahr, sie lebt in Tokio, das bei einem Supergau eine Geisterstadt werden würde, doch, da Japaner auf Tepco vertrauen, fühlen sich dort alle sicher. Und dass die Katastrophe keine weiteren unnötigen Opfer mehr fordert, dabei vertraut er ganz auf das Krisenmanagement der Regierung. Sie habe den 10-km-Streifen um das Kraftwerk evakuiert, habe die Journalisten und auch sonst alles im Griff und so sieht er keine Gefahr, weder für die Gesundheit, noch für Meerestiere oder Umwelt.

Tsubasa ist politisch hochgebildet und liest viele Bücher über verschiedene Welttheorien, doch eine Schuld der lockeren Atompolitik an der Katastrophe sieht er nicht. Schließlich ist er stolz gewesen auf die japanische Wirtschaft, und dann muss man halt einen Atomunfall auch hinnehmen.

„Man kann ja nicht ganz Japan evakuieren“ sagt er, als seine Pfanne mit feingeschnipselten Zwiebeln auf dem Herd gerade in Flammen aufgeht. Doch ich denke mir: „Das, was er kocht, schmeckt ausgezeichnet und so riskiere ich es, dass dafür unsere Küche in Flammen aufgeht“ und sage nichts.

Kochen kann er und so überwiegt in Japschland-Schwegen die japanische Küche. Beim Kochen geht es nach japanischem Arbeitssinn. Die Umwelt, Mitmenschen und menschliche Faktoren werden ausgeblendet und das Einzige, was noch zählt, sind die 3 Minuten und 10 Sekunden, die das Gemüse im heißen Fett braucht. Wer mit ihm in der Küche steht, fühlt sich eindeutig fehl am Platz. Auch wenn Gemüse viel kürzer gebraten wird, als in Deutschland, brauchen Soßen oft Stunden, nachdem sie bereits Tage vorher vorbereitet wurden, indem irgendein ekliges Ei-Fettgemisch in Sojasoße aufgeweicht wurde. Die Essenszeit liegt in keinem Verhältnis zu dem Zeitaufwand des Kochens. Der große Reisberg mit dem kleinen Gemüsehäufchen, Soßen oder Fleischbeilage ist wortlos verschwunden, in einer Geschwindigkeit, die lediglich von der Schaufelleistung des Armes abhängt.

„Japan hat keine Kultur“ sagt er. Seit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg seien nur amerikanische Kulturbrocken übrig, meist von der Konsumindustrie eingeführt. Beispiel: Weihnachtsmann. Daher kam der vielgereiste 26 Jährige nach Brasilien, um eine Kultur kennenzulernen. Brasiliens Kultur ist wohl am weitesten von der Japansichen entfernt. Offenheit und Menschlikeit sei rar in Japan. Konzentriertes Kung-Fu, Mönche und das dezente, technische Leben der Japaner ist nur schwer mit der rücksichtslosen, offenen, gefühlsbetonten und chaotischen Schreikirchen-Kultur der Südzone Sao Paulos zu vereinen. Doch wie ein Samurai seinerzeit, schlägt er sich auffällig wacker.

Wer nun denkt, in Japschland-Schwegen wird politisch alles akzeptiert und sozial überall angeeckt, der irrt: Die norwegische Fraktion unter Leitung von Ingri beweist das Gegenteil. Sie ist ein feinfühliges Wesen, einsam aufgewachsen auf einer idyllischen Insel vor der norwegischen Küste, die nur von ihren Eltern und einem Nachbarn in weiter Ferne bewohnt wurde. Bisher ist es noch niemandem gelungen, sie in einen Streit zu verwickeln. Immer ruhig, ausgeglichen, nett und unfehlbar, so repräsentiert sich hier der reiche Erdölstaat am Rande der Eurozone.

Ingri aus Norwegen beobachtet friedlich ein Favelamädchen beim Fotografieren.

Ingri aus Norwegen beobachtet friedlich ein Favelamädchen beim Fotografieren.

Zwei Jahre hat sie in der kanadischen Wildnis eine Elitehighschool besucht mit internationalen Schülern. Aus dieser Zeit stammen ihr perfektes Englisch und eine ganze Reihe englischer Songs, die leise und klar um die Mauern unseres Vororthäuschens klingen, als wäre es eine einsame Insel. Derzeit bewirbt sie sich bei einer ganzen Reihe Universitäten in den USA und hat bereits nicht wenige Stipendien bekommen.

Wenn ich mich mit meiner hamburgischen Kollegin Wiebke auf Deutsch unterhalte, so können wir bereits davon ausgehen, dass Ingri uns versteht, denn ihre Landessprache unterscheidet sich lediglich durch ein paar mehr Ö und einer musikalischeren Aussprache.

Nicht so die schwedische Vertretung. Das Land ist zwar Nachbar von Norwegen, doch alleine der Fakt, dass es der EU beigetreten ist, zeugt von etwas weniger Intelligenz als der eigenständige Nachbar mit den Fjorden. Dennoch, als Schweden in den Weihnachtsferien in unser Bündnis der Freiwilligen von Monte Azul eintrat, wurde unser Haus reich an muskulösen Gästen. Isabell hatte ebenfalls in Kürze ein Waschbrettbauch, wodurch ihr Voluspeck (eine Gewichts- und Umfangszunahme, die alle Freiwilligen hier unweigerlich erhalten) gar nicht auffiel.

Isabell aus Schweden, hier als Model für japanische Mode.

Isabell aus Schweden, hier als Model für japanische Mode.

Doch Isabell brachte einen Virus mit, der mir anfangs noch als Leidenschaft gar nicht ansteckend auffiel, der jedoch alle bereits im Voluhaus vorhandenen Damen infizierte. „Sex and the City“ ist die Bezeichnung, der, unter Frauen hochansteckende Geisteskrankheit. Aus Schweden wurden sämtliche Folgen in dicken DVD-Sammelhüllen eingeschleppt und innerhalb weniger Monate waren alle konsumiert worden. Das Gesprächsthema zu Tisch wurde ausschließlich dieses traditionskritische Sozialdrama aus New York. Auch das gestellte Verhalten, das sich durch Selbstbewusstsein, Offenheit Anderen gegenüber und dem Streben nach Waschbrettbäuchen, auszeichnet, drohte auf die anderen Damen des Hauses überzuschwappen.

Mittlerweile hat sie ihre super strahlende Erscheinung um einem aufmunternd, sympatischen Blick ergänzt und mit jedem Tag, an dem sie sich um eine schwerbehinderte in der Favela kümmert und wir Musikunterricht geben (sie spielt Klavier) werden wir dickere Freunde. Begeistert hat sie mich, als sie für eine ausdrucksstarke Spendenaktion ihre teilweise promineten Kontakte in Schweden spielen ließ und in Windeseile 800 € sammelte, für den Rollstuhl der Schwerbehinderten, mit der sie aus vollem Elan arbeitet.

Das Heer ist komplett: Ingrid, Wiebke, Helmut, Tsubasa und im Vordergrund Isabell

So geht es Tag ein Tag aus, doch es wird nie langweilig. Und der heutige Feierabend ist beispielhaft für unsere gemeinsame Zeit: Wiebke liegt im Bett, vertieft in einen 400-Seiten-Schmöker. Tsubasa, von dem niemand wusste, wo er war, vermutlich wie immer im Internet, hat gerade die Küche gestürmt und beginnt eine Pfanne mit Sesamöl aufzusetzen und sie mit geriebenem Ingwer zu füllen. Während es in der Küche unter hektischem Rühren zischt und qualmt, tönt aus der Hängematte vorm Haus „No women no cry“, interpretiert von Ingri aus Norwegen. Als es klopft, kommt ein muskulöser Neger hereinmarschiert, für den ich kurz mein schnelles Getippe am Laptop unterbreche, um meine Hand in der seinen zerquetschen zu lassen. Während Isabell lachend mit ihm von dannen zieht, wende ich mich wieder meinem Blogartikel über die junge Nation Japschland-Schwegen zu.

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