Nach bald 10 Monaten „on Tour” im fernen Brasilien stelle ich langsam fest, das selbst ich ein Gefühl für Heimat habe, was ich vorher als freier Reisender nie geglaubt hätte. Erinnerungen an meine Freunde, Ferien und Heldentaten im schönen Deutschland entfesseln in mir ein gewisses Gefühl der Freude. Doch was macht genau den Unterschied zwischen Brasilien und Deutschland aus, dass ich mich in dem einen Land zu Hause fühle, in beiden jedoch glücklich bin?

Im schönen Harzer Vorland, nahe Deutschlands Mitte, wohnt meine Tante auf einer wunderschönen Farm mit meinen Großeltern, ihrer Familie und liebvollen Pferden. Es ist ein Hort der Geborgenheit. Immer wenn mich hier in São Paulo die Schweißerei direkt vor unserem Haus aufweckt, muss ich an dieses Idyll denken.

Wie oft bin ich, sobald die letzte Schulstunde vor den Ferien überstanden war, dorthin aufgebrochen? Wie oft hat mein Vater mich zur Autobahnauffahrt in der schroffen schwäbischen Alb gebracht, um von dort loszutrampen, bis nach Stundenlanger nächtlicher Fahrt, in der klaren Morgensonne der neblig-frischen Frühe, der Harz aufersteht? Es waren unzählige Male, doch jedes Mal war einzigartig!

Herbst auf der schwäbischen Alb in Heidenheim

Herbst auf der schwäbischen Alb in Heidenheim

Jeder Tag auf dem Hof meiner Tante verging wie im Fluge, mit Pferdetraining, den Hof instand halten und Wanderritten. Es war ein Ort der Abenteuer, zum Abschalten von Schule und Verpflichtungen und ein Ort zum Träumen.

Wie oft stand ich nicht mit einem Pferd auf den weitläufigen Hügeln der Harzausläufer und habe von der Weite geträumt. Von Reisen nach Afrika, Zentralasien oder Südamerika. Einfach raus aus dem kleinkarierten Deutschland. Mehr zu sehen, als nur die kahle Glatze des Harzes. Andere Berge und Gebirge zu erklimmen, den Mount McKinley, die Rocky Mountains oder die Anden. Oder doch eher in Richtung Nepal, dem überwältigenden Massiv des Mount Everest oder der Chinesischen Mauer in dem vereisten Zentralasien.

Das Abi war geschafft und mein Traum ging in Erfüllung. Ich kam raus aus dem verdeutschten Dorf mit seinen zehn Bauern, 100 Pferden und endlos vielen Einwohnern im Rentenalter, und lernte die Welt kennen.

Früher lebten die Dorfbewohner immer im gleichen Kaff, umgeben von immer denselben Bauern. Im Heimatkundemuseum in Steinheim sieht man eine bebilderte Geschichte eines Mannes, dessen Welt sich bis zum 15. Lebensjahr auf das Steinheimer Becken beschränkte. Erst dann sah er die Welt, und kam bis nach Heidenheim. Und als er mit 80 Jahren starb, hatte er nicht mehr gesehen als die beiden Städte am Wedelgraben. Lediglich Händler, Boten und Navigatoren reisten damals und sahen die Welt. Alle anderen, die ihre Heimat verließen, waren Vertriebene, gezwungen durch Kriege, Hungersnöten und Hetzkampagnen. Klar, dass sich diese Menschen nach Heimat sehnten, an den früheren Ort des Friedens.

An die Möglichkeit, freiwillig ein Jahr fern der Heimat zu verbringen, wurde damals gar nicht gedacht und in Brasilien treffe ich heutzutage noch viele Arbeiter, die nur ihren Vorort und das Zentrum von São Paulo kennen. Wenn diese herausfinden, dass ich Deutscher bin, ist die erste Frage oft, ob ich Heimweh habe und wenn ich diese verneine, wird gleich darauf die Vermutung angestellt, dass meine Eltern tot sind, oder ich nichts mit ihnen zu tun haben will, denn sonst würde ich ja bei ihnen wohnen. Kein Brasilianer kann sich vorstellen, seine Mutter für ein Jahr zu verlassen, es sei denn, seine Mutter ist drogenkrank oder hat ihn verstoßen.

Heute, wenn ich vom Berufsverkehr geweckt werde und ins Kulturzentrum von der Sozialorganisation Monte Azul zum Arbeiten gehe, sehe ich zwar keine schneebedeckten Gipfel, dafür jedoch die leuchtenden, von der Morgensonne angestrahlten, Zinnen und Dächer der Drecksstadt São Paulo. Und recht oft liege ich dann noch etwas im Bett, versuche krampfhaft den Krach der Straße und der ohrenbetäubenden Schweißerei von Gegenüber zu vergessen und mich zurückzuerinnern an das schöne Harzer Vorland.

Gipfel sehe ich hier auch, nur eben keine Schneebedeckten.

Gipfel sehe ich hier auch, nur eben keine Schneebedeckten.

Es ist das Gefühl von Heimat, was ich hier in Brasilien kennenlerne. In Deutschland habe ich dies nie verstanden. „Heimat“ war für mich ein Wort, das eigens für Vertriebene des Zweiten Weltkrieges und anderen Völkerrechtsverletzungen erfunden wurde. Ich hingegen, bin ein freier Reisender und dennoch, tief in mir regt sich ein Gefühl, das mich unweigerlich zurückdecken lässt.

Dabei habe ich eigentlich kein Heimweh. Brasilien ist ein offenes Land und Brasilianer sind meist offenen Menschen, erst recht wenn sie hier aus meiner Umgebung von Favelas und der ärmeren Vorstadt kommen. Viele dicke und tiefe Freundschaften habe ich bereits geschlossen. Nach sieben Monaten ist auch die Sprachbarriere, das Portugiesisch, von dem ich zu meiner Ankunft gar nichts verstand, weitgehend überwunden. Unterhalten kann ich mich hier mit Freunden genauso wie mit Wildfremden über alles, vom Fußball bis zu den persönlichen Problemen meiner Familie. Brasilianer hören immer zu, reden immer mit und zeigen Mitgefühl.

Einem unbekannten Brasilianer im dicht gedrängten Bus kann ich mehr erzählen als manch einem Freund. Nach 20 Minuten des gegenseitigen Herzausschüttens wünscht er ein „vai com deus“ (geh mit Gott) und quetscht sich auf nimmer wiedersehen, aus der Menschenmasse. In Brasilien können zwar die Wenigsten organisieren, die Meisten haben aber die Fähigkeit, sich für kurze Zeit gänzlich einem anderen zu widmen, sich ihm anzuvertrauen, mit ihm mitzufühlen und den Wildfremden gleich auf eine Festa einzuladen. Es ist kein Land für Einsamkeit, Nachdenken und Heimweh. Es ist das Land der Freundschaft, des Mitgefühls und des Feierns.

Doch sitze ich Sonntagmorgens im November, in Flipflops und Boxershorts vor unserem Haus, erfreue mich der seltenen Tatsache, dass es noch nicht allzu heiß ist, höre die Vögel in der Morgensonne zwitschern und halte den SPIEGEL in den Händen, so fühle ich in mir, wie ich zurück in Deutschland bin. Bei einem Artikel über die Anti-Atomkraftproteste im Wendland halte ich inne. Das Artikelfoto zeigt ein Democamp auf einer herbstlichen Heide und aus dem umgebenden Wald ragt ein friedlicher Kirchturm heraus. Die Protestierenden sind in dicke Winterjacken gehüllt, tragen Wanderschuhe und Plakate und der kristallisierende Atem glitzert in der klaren Herbstsonne.

Heimweh richtet sich bei mir weniger auf Familie, Heidenheim und das eigene Zimmer, als auf das, was ich in Deutschland erlebt habe – der deutsche Geist und mein Land zwischen den bergigen Alpen und den Dünen der Ostsee in Sommerwinden. Es ist auch kein Weh, sondern eine innere Freude. Die Freude auf pfeifende Herbstwinde unter Windrädern des norddeutschen Flachlands, die verschneiten, nachdenklichen Winter im bergigen Schwarzwald, die Wechsel zwischen Regen und heißer Sonne bei noch fröstelnden Nächten an Ostern und die Freude auf den Geruch von trockenen Sommerwiesen, wenn es seit drei Wochen nicht mehr geregnet hat.

Heimfreude: Nur in Deutschland gibt es Winter. Die Zeit zum Nachdenken, reflektieren und gemütlich Zusammensein.

Heimfreude: Nur in Deutschland gibt es Winter. Die Zeit zum Nachdenken, reflektieren und gemütlich Zusammensein.

In Brasilien hingegen scheint es immer gleich. Die Bäume sind immer grün, das Gras wächst und verfault Frühling, Sommer, Herbst und Winter und Temperaturen sinken kaum unter 10 Grad. Es ist fast immer angenehm zu leben, harte Winter oder sengende Trockenzeiten gibt es in São Paulo nicht. Nur dass der tägliche Nachmittagsregen hier im atlantischen Regenwald im Sommer als willkommene Erfrischung angesehen wird und um Ostern herum, wenn es hier Herbst wird und die Tage kürzer, sowie die Regenfälle länger werden, es als unerträgliche Belästigung empfunden wird. Hier interessiert sich auch keiner für Wettervorhersagen, es kommt, wie es kommt. Planen, berechnen und vorhersagen ist ohnehin recht selten in Brasilien.

Der SPIEGEL-Artikel erinnert mich auch an das politische Bewusstsein in meiner Heimatrepublik. Kein Brasilianer interessiert sich ernsthaft dafür, wo der Strom in der Steckdose herkommt, wie Reinigungsmittel der Umwelt schaden und selbst wenn die Stadt vorhätte, das gesamte Straßenbahnnetz (welches bisher überirdisch verläuft), unter die Erde zu legen, würde kein Hahn danach krähen im Gegensatz zu „Stuttgart 21“ in meinem Heimatland.

Elektronisch pfeifend dröhnt aus einem schlechten Megafon die Melodie von Mozarts „für Elise“ an mein Ohr. Die Endlosschleife der Erkennungsmelodie für den Gasmann, der die Gasflaschen für die Kochherde in meinem Vorort verteilt, reist mich aus den heimatlichen Träumen. Ich bin Freiwilliger in Brasilien, die Sonne scheint und ich habe ein Wochenende vor mir, bei dem ich mich von der sozialen Arbeit mit den teils verhaltensauffälligen Kindern der Favela Monte Azul in der Südzone São Paulos, erholen kann. Im September fliege ich zurück nach Deutschland. Erwarten mich dort wirklich meine Erinnerungen?

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