Durch die Demokratisierung, die Menschenrechte und scheinbar freie Medien fühlen sich die Menschen heutzutage grundsätzlich frei und selbstständig. Dennoch, nicht nur hier in Brasilien, wo es mir unter den Favelabewohnern besonders auffällt, stoßen wir vielfach auf geistige Gefangenheit. Wer seine 12-Jährige Tochter zu Hause Putzen und Kinderhüten lässt, anstatt sie in meinen Cellounterricht gehenzulassen, den sie sooo mag; wer seinem Kind verbiete in die Natur zu gehen, sondern es in Stadt und Favela gefangen hält und wer einen Apfel vor dem Essen mit Chlor abschrubbt, um Bakterien zu entfernen, hat meist keine Erklärung dafür sondern ist Gefangener eines Unbekannten. Erlebnispädagogik könnte ein Ausweg daraus sein.

Unter dem Gesichtspunkt, dass 20 % der Weltbevölkerung 80 % der Ressourcen verbrauchen, sind wir auch dafür verantwortlich, dass es Armut gibt.

Wir, das sind Menschen der sogenannten 1. Welt wie Europäer und Amerikaner.

Wir haben einen Wohlstand entwickelt, den wir keinesfalls auf die gesamte Menschheit übertragen könnten. Denken wir nur an die Müllentsorgung. Diese würde um einiges teuerer sein, könnten wir nichts in Drittweltländer abschieben. Somit ist dieser Lebensstandard ungerechtfertigt.

Ich als kleiner Junge auf Artabanlagern im Wald

Ich als kleiner Junge auf Artabanlagern im Wald

  • In unserer Welt, in der 7 Mrd. Menschen leben, wovon 1 Mrd. hungert obgleich wir die Menge Essen für 12 Mrd. produzieren,
  • wo 1 % der Bevölkerung 40 % des weltweiten Reichtums besitzt,
  • wo täglich 25.000 Kinder an Hunger und vermeidlichen Krankheiten sterben
  • und wo 50 % von weniger als 2 US$ leben, gibt es keinen Grund, sich diesem System anzuschließen. Vielmehr müssen wir uns fragen, warum es schief läuft und wie wir es ändern können.

Das Millenniumsziel der Welt Gesundheitsorganisation (WHO) Armut weltweit zu senken, wird aufgrund der Globalisierung vermutlich fehlschlagen. Dabei ist der Gedanke, dass wir Europäer unbedingt Essen, Kleidung und Geld in die 3. Welt fließen lassen müssen, gar nicht nötig, wenn wir diese Länder nicht mehr ausbeuten würden. Wir erhalten von der „3. Welt“ durch die Zinsen auf Kredite etwa doppelt so viel Geld, wie wir an Entwicklungshilfe der 3. Welt geben. Doch wir bestimmen die Handelsbedingungen, wir bestimmen durch Spekulation den Lebensmittelpreis und selbst Welthandelsorganisationen wie die WTO und der IWF unterstützen dies, indem sie Privatisierung durch finanziellen Druck auf Regierungen armer Staaten ausüben. Geld bekommt nur, wer die eigene Infrastruktur für die internationale Wirtschaft öffnet. Der Rest bekommt erst Bestechungen, dann Geheimagenten und schlussendlich Krieg. (1)

Beispiele finden wir im gesamten südamerikanischen Raum, der sich in den letzten 50 Jahren von kleinen autonomen und oft diktatorischen Staaten, ohne große Wirtschaftsmacht, dafür mit vielen Kleinbauern, zu einer Weltmacht entwickelt hat, wo die Bauern unter der Armutsgrenze in Favelas leben, Land und Regenwald in den Händen von internationalen Konzernen liegen und Bolivien gar seine gesamten Wasserrechte an einen US-amerikanischen Konzern verkauft hatte.

Diese Tatsache ist meiner Meinung nach das zugrundeliegende Problem, durch dessen Behebung wir die Armut in vielen Teilen der Welt einfach reduzieren könnten. Doch das Streben nach Profitmaximierung und die damit verbundene Lobbyarbeit, Ausbeutung armer Staaten und deren Ressourcen und die Umweltzerstörung behindern diese positive Bewegung.

Dagegen kämpfe ich auf meinen Reisen. Meine Waffen sind dabei Fotokamera, Berichterstattung und ein Blogsystem, worüber ich meine Erfahrungen verbreite und hoffe unsere Welt auf diese Wirtschaftsdiktatur aufmerksam zu machen.

Mein erstes halbes Jahr in Brasilien konzentrierte sich auf das Kennenlernen der neuen Kultur. Zunächst lebte ich mit ihnen, ohne mich selbst einzubringen und besonders nicht meine Ideen. In dieser Zeit untersuchte ich die oben genannten Hintergründe und noch genauer die Menschen, die glücklich damit leben.

Unser Wirtschaftssystem mit Schulden und Zinsen zwingt alle, vom armen bis zu den Konzernen, auf Profitmaximierung zu setzen, ohne auf die Kosten für Soziales und der Umwelt zu achten. Geistig werden die Menschen gefangen, weil sie das System des Geldes nicht verstehen. Sie halten es für gerecht und meinen, ohne ihm nicht überleben zu können. Dadurch werden sie zu Sklaven einer undemokratischen Macht in allen liberal‑demokratischen Ländern und auch in denen, die sich gegen Wirtschaftsliberalismus behaupten. Durch wirtschaftliche Zwänge werden selbst kommunistische Schranken geöffnet und Präsidenten durch Medienmanipulation vom eigenen Volk gestürzt, das sich der Profitmaximierung verpflichtet fühlt. Durch diese geistige Verpflichtung werden die Menschen zu härterem Arbeiten gezwungen. Eltern gehen arbeiten,  lassen aber dafür ihre Kinder im Stich und Männer arbeiten bis zum Burnout, nur dass die Menschheit tatsächlich von einem unvergleichlich höheren Wohlstand profitiert, als wenn jeder geistig frei nur so viel arbeiten würde, wie er tatsächlich benötigt, um gesund zu bleiben?

Um das unsere Kinder in Zukunft diese finanzielle Weltmacht verstehen können und auch eventuell imstande sein werden, dies zu ändern, brauchen wir die Erlebnispädagogik. Hier lernen wir drei Dinge: Geistige Schranken zu überwinden, soziale Beziehungen zu knüpfen und die Liebe zur Natur und unseren Ressourcen zu stärken.

Da kein Kochtopf zur Hand ist, wird der Obstsalat einfach in die wasserdichte Zeltplane geschnippelt. Eine geistige Schranke weniger.

Da kein Kochtopf zur Hand ist, wird der Obstsalat einfach in die wasserdichte Zeltplane geschnippelt. Eine geistige Schranke weniger.

Geistige Schranken überwinden wir, wenn wir zum Beispiel nachts draußen schlafen. Während die Eltern das immer verboten haben, weil sie es für unmöglich oder gefährlich hielten, merken wir plötzlich, es geht ganz leicht. Die wenigen Tricks dazu haben wir schnell gelernt. Wenn wir Messerwerfen, Gewaltmärsche machen und andere Kulturen kennenlernen, merken wir immer wieder das Gleiche: „Man macht das nicht“, „das geht nicht“ oder „das darf man nicht“ ist reine Auslegungssache und alles ist möglich. Dieser Gedanke ist Grundlage aller Menschen, die später einmal die Schranken durchbrechen wollen, welche uns Propaganda und kapitalgelenkte Medien auferlegen, um unsere Welt vor der sozialen und umwelttechnischen Selbstzerstörung zu retten. Zum Beispiel, würde jeder den Satz begreifen, der auf dem Dollar steht „In God we trust“, so wäre Geld mit Zinsen und Krediten in der heutigen Form überhaupt nicht mehr möglich, dann es hat schon lange keinen realen Gegenwert mehr.

Gemeinsamkeiten schaffen. Für eine schöne Gemeinschaft sind Freunde das wichtigste.

Gemeinsamkeiten schaffen. Für eine schöne Gemeinschaft sind Freunde das wichtigste.

Um diese Schranken erfolgreich zu durchbrechen und durch etwas langfristig Gutes zu ersetzten, braucht es die anderen zwei Erfahrungen der Erlebnispädagogik. In der Erlebnispädagogik arbeiten wir stets zusammen, verlassen uns auf andere und lernen durch ungewohnte „Extremsituationen“ in der Natur, im Spiel oder Theater einander besser kennen. Wir lernen Ermüdung, Hunger, Angst kennen. Stellen fest, wie wir uns in solchen Momenten verändern, Egoisten werden, versuchen die Last auf ander abzuwälzen. Doch durch Kultur, Kunst und Gefühl lernen wir gleichzeitig, diese menschlichen Gefühle mit dem Bewusstsein zu begreifen und darauf eine Gemeinschaft aufzubauen. Eine Neue. Nach unseren eigenen, freien Vorstellungen, die wir nun haben könnten. Wir lernen im natürlichen Umfeld, das menschliche Gegenüber mit dem Herzen zu schätzen.

Ein Adler auf den Wellen des Baikalsees. Weshalb die Natur beschützen, wenn man sie nur über den Fernseher kennt.

Ein Adler auf den Wellen des Baikalsees. Weshalb die Natur beschützen, wenn man sie nur über den Fernseher kennt?

Als Letztes lernen wir die Bindung zur Natur. Wer nur in Städten aufwächst und lebt, hat keinen Bezug zur Natur, obgleich sie immer noch Grundlage unseres Daseins ist. Da der Großteil der Bevölkerung von der Natur isoliert in Städten lebt, können alle kapitalistischen Konzerne die Natur, besonders in scheinbar fernen Ländern ausbeuten, ruinieren und verschmutzen, soviel sie wollen, ohne großen Druck der Bevölkerung zu fürchte. Bei Indianern im Regenwald geht das nicht, denn sie lieben ihre Umwelt zu sehr. Aber letztendlich haben die Menschen eigentlich alles in der Hand und könnten somit, bis zur lukrativen Atomkraft, alles in die Knie zwingen (siehe Frühjar 2011, nach Fukuschima). Und so brauchen wir die Erlebnispädagogik, um den Kindern die Natur zu zeigen, unseren Lebensraum und Lebensgrundlage. Durch Fahrten, bei denen man auf die Natur angewiesen ist, lernt man diese zu lieben, wie es die Urvölker bis heute tun. Es wird der Kontakt wieder hergestellt und somit das Fortbestehen der Menschheit inklusive der Tier-, Pflanzen- und Mineralwelt gesichert. Den großen Konzernen ist das egal, ihnen geht es nur um den eigenen Profit im eigenen Leben und in absehbarer Zeit. Wer jedoch die Natur liebt, wird sie immer verteidigen.

Freies Denken
Menschlichkeit – Umweltschutz
Bildung
Kultur – Natur

Ohne die Liebe zu Mensch und Natur ist freies Denken unabhängig von Kirche, Tradition und Gesellschaftszwang schädlich. Denn von gesellschaftlichen Normen sich zu trennen, dazu verhelfen sicherlich auch Computerspiele, Actionfilme und andere Entwicklungen in unserer Gesellschaft, durch die wir den Bezug zur Realität verlieren. Doch wer sich von gesellschaftlichen Normen löst, kann auch viel leichter morden, zerstören und profitgeil handeln. Deswegen kommen die letzen zwei Punkte im Grunde vor dem Ersten. Bevor sich Kinder und Jugendliche über erlernte Normen bewusst werden, müssen sie bereits durch Naturerlebnisse und soziale Kontakte an der Hand der Eltern oder im Rahmen von Kultur und Ritualen, die Liebe zu Mensch und Natur entwickelt haben. Ansonsten werden sie „böse“, was man im neuen Wirtschaftsfachjargon „profitorientiert“ oder „ressourcensparend“ nennt. Ressourcensparend bezieht sich dabei leider jedoch auf Finanzielle Wert anstelle von Natürlichen.

Erlebnispädagogik, wie sie bei Artaban entwickelt wird, garantiert also, dass Kinder zunächst als Jüngere die Natur erleben und auf den Lagern und Fahrten Freunde finden, auf die man sich auch in schweren Situationen verlassen kann. Die älteren kümmern sich um Kultur und Rituale. Singen vor dem Essen und Schlafen, Morgenkreise, waschen und Aktivitäten verschiedener künstlerischer und praktischer Art stellen einen offenen Rahmen her. Später, als Ältere, lernen sie dann, das Rituale weder von Gesetzen, alten Autoritäten noch von religiösen Institutionen vorgegeben werden, sondern ganz alleine auf die eigene Vorstellung und Geisteskraft beruhen. Somit lernen sie auch diese zu pflegen, zu verstehen und zu verändern.

Ein Artabanlager, eine soziale Skulptur in der Natur mit geistig freien Menschen.

Ein Artabanlager, eine soziale Skulptur in der Natur mit geistig freien Menschen.

Weder in kirchlichen Organisationen, wie den Pfadfindern, noch in staatlichen Jungen- und Mädchengruppen, wie sie im Kommunismus und Nationalsozialismus üblich waren, finden wir diese drei Erlebnisse der Erlebnispädagogik vereinbart. Christliche Pfadfinder sind durch den religiösen Hintergedanken stets in einer geistig einschränkenden Ideologie gefangen. Durch die unnatürliche Trennung der Geschlechter im sozialen Leben wird leider auch das soziale Erleben eingeschränkt und durch den ehemals militärischen Hintergrund, wird auch die Natur eher als Gegner betrachtet als ein helfender Verbündeter. Das ist die Tendenz, wobei es viele Gegenbeispiele durch starke Persönlichkeiten geben wird. Das trifft auch auf entsprechende Jungscharen in anderen früheren politischen Systemen zu, nur dass die Ideologie nicht religiös sondern staatlich durch unfreie politische Denkmuster bestimmt wurde. Für mich erscheinen die Wandervögel hingegen noch als sehr frei, doch zur gleichen Zeit waren sie sehr in traditionellen Regeln und Gewohnheiten gefangen und wurden von alten Autoritäten diktiert. Verschiedene Erlebnisse in der Christengemeinschaft haben mich jedoch überzeugt, dass es trotz der geistigen Festlegung möglich ist, noch den Einzelnen freizulassen. So wird ein offenes Interagieren zwischen Natur und Menschen untereinander möglich, mit freien Leitlinien zum Handeln.

Monte Azul, wo ich gerade arbeite und Artaban, wo ich langjähriger Gruppenleiter war, haben in diesem Sinne die gleichen Ziele: des Meschen natürliche Fähigkeit zum freien Denken zu unterstützen und ihm damit zu ermöglichen in einem kulturellen Umfeld im Einklang mit der Natur aufzuwachsen.



Erlebnispädagogik

Quellen:

(1) Jhon Perkins, Economic Hitman

http://www.welthungerhilfe.de/was-ist-hunger.html

M. Kennedy – »Geld ohne Zinsen und Inflation«, Kapitel 1:

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