Nach Aracaju bin ich die 600 km bis nach Gameleira, naha Recife im Staat Pernambuco, an einem Tag getrampt und bei Dunkelheit in dem kleinen Städtchen bei meinem Freund Newton gelandet. Am nächsten Morgen erst habe ich die kleinen Lehmhütten unter der winterlich-heißen Badewettersonne erkundet und die animierten und gleichzeitig verträumten Bewohner kennen gelernt. 

Auch Kinder helfen in Gameleira mit, das geschnittene Zuckerrohr auf Pferden und Esen zu den Fabriken zu schleppen.

Es war mal wieder ein typischer Tramptag. Von 9 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags fand sich kein einziger lahmer Truck, der mich mitnehmen mochte, doch dann plötzlich ein Pick-up, der durch seine riskanten, doch erfolgreichen Überholmanöver die verlorene Zeit wieder aufholte.

Schon die Truckbesatzung war typisch für das hinterländische Pernambuco. Vater und Sohn, alt und jung, Draufgänger und Weiser. Der Sohn hatte gerade Artzt studiert, hörte im Radio politische Sendungen und versuchte seinen Vater, einen LKW-Fahrer, von den halsbrecherrischen Überholmanövern abzuhalten. Der Vater hingegen genoss es scheinbar, einmal in einem wendigen Pick-up, anstelle eines 20-Tonnen-Gefährts zu sitzen und überholte bei lauter Musik, während er geilen Verkerhsteilnehmerinnen hinterherhupte. Der Sohn versuchte vergebens zu beruhigen, doch, wie das Sprichwort lehrt: „Der Klügere gibt nach“. Beide waren auf dem Weg zur Abschlussfeier des Artztstudiums des Sohnes in Recife.

Bei Dunkelheit erreichte ich das 28.000 Seelendorf Gameleira. Obgleich das Dorf wirklich sehr abgeschieden liegt, nur von der Rohrzuckerindustrie lebt und fast alle Einwohner ihr Caf gamellig finden, kommt der Name vom Gameleira-Baum, der vorher im Regenwald dieser Gegend dominierte.

Es ist wirklich idyllisch, wie sie hier leben. Wenn nur die Leben der einzelnen etwas hoffnungsvoller wären.

Damals lebte auf dem Hügel am Fluss, von dem aus das gesamte umliegende Land zu sehen ist, nur ein Inianderstamm. Doch dann wurde eine Eisenbahnlinie gebaut, Bauarbeiter siedelten sich an, scheißen in den Fluss und die Indianer, Flussabwärts genauso wie hier, starben an den Krankheiten.

Bei einem nächtlichen Rundgang durchs Dorf, bei dem wir in gefühlten 100 Häusern kurz hereinschauten, erklährte Newton jedem seiner Freunde, nachdem er mich vorgestellt hatte, wie stolz er auf seine Heimat sei. Die Fraun in den Häusern, vom Säugling bis zum Greis, saßen vorm Fernseher, der auch nicht ausgestellt wird, während wir uns unterhalten. Männer mussten wir in den Bars aufsuchen.

Am nächsten Morgen sah ich erst, wie schön Gameleira wirklich liegt. Eingebettet in grünen, zuckerrohrüberzogenen Hügeln stehen die Lehm- und Betonhütten im Schatten von Bäumen und Bananenstauden. Am Dorfrand weiden Pferde und Kühe während Kinder Fußball spielen. Hier gibt es schätzungsweise mehr Früchte, die ich zum ersten Mal sehe, als solche, die ich bereits kenne. Doch alle sind köstlich, erst recht im Fruchsaft, von dem ich jeden Tag 2 Liter trinke.

Das schöne Dorf am Fluss besitzt schöne Kirchen.

Im kleinen aber feinen Hause Newtons Familie lebe ich mit seiner zahnlosen Mutter, die sich unglaublich lieb um mich kümmert und seiner depressiven Schwester, deren 20 Jähriger Sohn alkoholabhängig den ganzen Tag trinkt und lediglich spät nachts nach Hause kommt.

Auf einem Rundgang kamen wir an einer Quelle vorbei, wo die Bewohner Wasser holen, und auf dem Kopf oder in Schubkarren, den steilen Hügel zu den Lehmhütten tragen. Die einzigen, die hier Motorrad oder ein richtiges Haus besitzten, arbeiten in der Zuckerrohrfabrik, wo neben Zucker auch Alhohol für Autos hergestellt wird, oder bei der Stadtregierung als Lehrerin oder Administratorin. Die Zuckerrohrbauern und sonstige Arbeiter leben eigentlich recht schön, währen sie nicht so Fernse- und Medeinabhängig.

Wir kamen vorbei an einer Bauruine. Ursprünglich sollte daraus ein Kulturzentrum entstehen, doch der damalige Bürgermeister nahm kurzerhand das Geld und hat sich verzogen. Seither ist nichts in dieser Richtung weitergegangen. Eine 150 Jahre (!!!) alte Musikschule wurde geschlossen und im Gebäute wohnen nun Flutopfer der Regenzeit, als der Fluss gute 2 Meter über die Ufer trat und viele Hütten wegspühlte.

Unterstütz wird diese Stadt großzügig durch Kredite der Weltbank

Die Leute erzählen mir all das nur mit vorgehaltener Hand. Laut beschwert sich hier keiner. Die Mentalität der Militärdiktatur ist noch sehr stark erhalten und hält, wie durch ein ungeschriebenes Gesetz, die Menschen von politischen Aktionen ab. Korruption im Staatshaushalt ist hier Tradition. Demonstrationen gibt es hier genauso wenig, wie eine ernsthafte Opposition im Regionalparlament, deren nette Abgeordnete ich kenne lernen durfte.

Der aktuelle Bürgermeister lebt in Recife und hat außer ein paar Rockkonzerten zu Wahlkampfanlässen nichts in dieser Stadt gemacht. Dennoch erwartet hier jeder, dass die Stadt soziale Projekte startet. Kaum einer steht selber auf und beginnt mit einer Theater-AG oder ähnlichem. Die Capoeiragruppe auf dem Dorfplatz bei Nacht ist die Ausnahme.

Zukünftige Lehrerinnen der 4 Dorfschulen. Sehr offen und interessiert an Waldorfpädagogik.

Eine nette Leiteren der Lehrerausbildung der Prefeitura (Stadtverwaltung), die wir bereits am Abend vorher getroffen haben, hat ca. 20 zukünftige und aktuelle Lehrerinnen versammelt und ich halte einen Vortrag über Waldorfpädagogik und über Monte Azul. Ich versuch mein besten und erklähre, dass die Waldorfpädagogik versucht aus den Kindern freie, selbstständige und kreative Menschen zu machen, um später einmal Gameleira und die Welt verbessern können. Klar erwähne ich Wollpuppen ohne Gesichter, die die Fantasie anregen statt sie einzuschränken und dass Kinder nicht zum lernen gezwungen werden, sondern versucht wird, ihr Interesse zu wecken. Ganz weit greife ich, als ich den Fernseher als Droge beschreibe, dass die Jugenlichen später leichter für Stoffe empfänglich macht und dazu führt, dass sie desinteressiert ihr Leben ans sich vorbeiziehen lassen, statt aufzustehen, Fernseher ausschalten und etwas zu ändern. So gut wie es geht, beschreibe ich auch Monte Azul, auch wenn die wenigsten dieser Frauen jemals aus ihrem Dorf rauskamen und eine Favela sahen.

Lediglich 3 Jugendliche, so rechnet die Lehrerin, haben es aus diesem Dorf auf die Universität in Recife geschafft. Die anderen sitzen (mit teils auffallend schlechten Zähnen) zuhause und ernten Zuckerrohr für die Fabriken und erfreuen sich des Alhohols und der Computerspielerrei.

Wie überall in Brasilien so in Pernambuco erst recht: Bei knappen 30 Grad wird das frisch geschlachtete Fleisch ungekühlt an der frischen Luft verkauft.

Den Rest des Tages verbringen wir im Zuckerrohrfeld, schälen Zuckerrohr und kauen den Süßen saft.

Den Samstagvormittag verbringe ich auf dem großen Markt, zu dem auf Lastwagen die Bewohner der ländlichen Dörfer kommen um einzukaufen. In einer Straße liegen die Waren auf dem Boden und sind besonders billig. Hier verkaufen die „Arbeiter ohne Boden“, welche aufgrund der industrialisierten Großgrundbesitzer kein Land mehr haben und ihr Gemüse auf illegalen Flächen anbauen und in noch schlechteren Barracken leben.

Letzten Endes leben hier jedoch alle zufrieden und gesund. Newton ist nach einem Jahr in Monte Azul zurückgekehrt und möchte eine ähnliche Organisation hier aufbauen.  Viele kreative Mitstreiter gibt es auch schon. Nächstes Jahr sind Bürgermeisterwahlen und vermutlich wird eine Frau gewinnen, die zwar nur die Grundschule absolviert hat, jedoch bereits zwei erfolgreiche Amtszeiten hinter sich hat, im Dorf wohnt und von Kultur sehr begeistert ist. Wir werden sehen, was Newton und seine Dorfbewohner auf die Beine stellen wird zu Zeiten der Glo- und Industrialisierung.

… Es ist fast Mitternacht, bin gerade fertig geworden, da stürmen eine Horde evangelisten das Internetcafe, teilen Flyer aus und sagen mir persönlich, dass Jesus mich liebt. Das ist Brasilien. Religion die legale Droge, das Volk ruhig zu halten… (In Anhlenung an Marxs)

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