Noch ein paar letzte Tag in Gameleira, dem schönen Städtchen, umgeben von grünen Wellen des Zuckerrohrs. Ich konnte mich einfach nicht lösen, von dem kleinen Ort am großen Fluss. Noch einmal am Staudamm von der Brück springen und mit einem Bambusfloß fahren. Doch schlussendlich ging es dann auch schon erstaunlich schnell zurück nach Salvador.

Auf einem Bambusfloß in der Strömung

Wir waren gerade fertig mit einem Besuch einer Dorfschule, da entdeckte Newton einen Freund mit seinem Floß auf dem Fluss. Klar das ein brasilianische Angler uns gern mal eine Runde schippern lässt. Mit einer Stange statt Ruder ging es auf den Fluss hinaus. Zunächst trudelten wir eine Ewigkeit auf dem Fluss mit Hochwasser, doch als ich mir die Strömung genau anschaute, gelang es mir diese auszunutzen um mit Leichtigkeit Fluss auf und Abwärts zu steuern.

Es war toll und aufregend und so dehnte sich unsere Tour den ganzen Vormittag aus. Als wir endlich das Ding am Ufer befestigten, war ich rot wie eine Tomate. Kurz vorm Sonnenbrannt. Das Dorf, in dem ich der erste blonde Deutsche war, lachte schallend. Sowas ist dort unbekannt.

Doch vor einem Jahr hatte hier niemand was zu lachen. Dieses Jahr führt der Fluss lediglich Hochwasser doch damals war es eine Flutkatastrophe in ganz Pernambuco. Viele Familien verloren alles, was sie hatten, als ihre Hütten über Nacht vom Fluss mitgenommen wurden und bis heute fehlen viele Brücken oder das Militär hat provisorische Konstruktionen errichtet. Viele Familien, die ich besuche, haben daher nur ein paar wenige, doch dafür neue, Möbel. Die Ironie der Dinge ist, dass viele bereits wieder Pläne für große Häuser schmieden, die sie am Rand des Flusses in der Gefahrenzone errichten wollen. Der Brasilianer lässt sich in seinen Visionen auch nicht klein kriegen.

Beim Motorradfahrenlernen

Den Sonntag hat eine befreundete Familie auf dem Dorfplatz gemütlich Hühnchen gegrillt und während dessen habe ich Motorradfahren gelernt. Ein schönes Hobby in der heißen Sonne.

Sonntag sollte dann eigentlich auch schon mein letzter Abend sein. Montag um die Mittagszeit wollte ich an der nächsten Raststätte nach Rückfahrmöglichkeiten suchen. Also machten wir zur Abendstunde kurzerhand ein kulturelles Singen auf dem Marktplatz. Das war echt lustig, erst recht, als sich ein anderer Gitarrenspieler in meinem Alter, ebenfalls gnadenloser Freidenker, zu uns gesellte. Er spielte Sertanejo, die brasilianische Countrymusik hier aus dem Nordosten und ganz plötzlich türkisch-muslimische Lieder. Er war ungelogen der erste Muslime, den ich in Brasilien getroffen habe. Und dass in einer Kleinstadt umgeben von einem Heer von Katholiken. Alle hielten ihn für dumm und machten sich ernsthaft Sorgen um ihn, weil er nicht an ihren Gott glaubte, doch für ihn war es eine Befreiung, aus dem Dorfklandenken. Ich glaube er war der intelligenteste von allen.

Certaneja von Youtube

Eine alte Dorfbewohnerin öffnet Bohnen

Dienstag bin ich dann doch nicht abgereist. Ich war noch bei zu vielen Familien eingeladen und wer in Brasilien eingeladen wird, für den bedeutet das: „gekommen um zu bleiben“. Am Nachmittag saß ich so, statt im Lkw zurück nach Salvador, in den kleinen Lehmhütten und zeigte meine Fotos von der Stadt. Ich hatte sehr schöne Bilder der Lehmhütten, der Landschaft und der alten Menschen gemacht, um ihnen zu zeigen, wie schön ihre Stadt doch eigentlich ist, von der sie alle so gerne fort, nach Sao Paulo, wollten. Uns siehe da, meine Foto-Therapie funktionierte. Plötzlich liebten alle ihren Markt mit den farbenfrohen Früchten, die gebogenen Dorfstraßen im roten Abendlicht und die alten Menschen beim zahnlosen, würdevollen Lachen. Plötzlich wollte keiner mehr weg.

Capoeira aus Gameleira.

Am letzten Tag, kurz vor der Abfahrt erhielt ich noch auf den letzten Drücker zwei Polohemenden und einen Kalender.

Genauso offen die Arme bei meinem Empfang waren, genauso emotional und tränenreich war mein Abschied. (Brasilianer zeigen generell gerne Emotionen). Eine alte Tante, für die ich Früchte gepflückt hatte, schenkte mir eine Halskette mit einer Chillychote und, um mich zu bekehren, einen Silberring mit dem Namen Jesus Christus. Ich hätte nie gedacht, wie herzlich ich hier aufgenommen wurde.

Die Rückfahrt gestaltete sich erstaunlich einfach. Die Strecke von Recife nach Salvador, wofür ich 3 Tage kalkuliert hatte, schaffte ich quasi an einem Tag. Dazu eine kleine Vorgeschichte: Im Orchester von Monte Azul hat jeder durch eine Spende ein nettes T-Shirt bekommen. Da ich dieses noch etwas nass im Rucksack hatte, wollte ich es an der ersten Raststätte anziehen. Da gesellt sich doch direkt ein gut gekleideter Geschäftsreisender zu mir und fragt, woher ich das T-Shirt hätte. Es stellt sich heraus, dass er in dem umwelttechnisch und sozial sehr engagierten deutschen Pharmaunternehmen Beringer arbeitet. Zur Feier des 25 Jährigen Bestehens der brasilianischen Zweigstelle haben alle brasilianischen Mitarbeiter ein T-Shirt bemalt und es an Monte Azul gespendet. Der Zufall traf sich, dass ich ausgerechnet das T-Shirt erhalten hatte, dass er gemalt hatte. So durfte ich in seinem teuren Schlitten mitfahren, bis sich uns unsere Wege wieder trennten. Natürlich darf er sonst nie Anhalten mitnehmen, erst recht nicht solche, die sich an Raststätten in aller Öffentlichkeit umziehen, doch in so einem Fall…

Der Rest der Strecke gestaltete sich dann ebenfalls sehr einfach und interessant. Hermes, ein brasilianischer Ex-Profifußballer, nahm mich mit. Heute arbeitet er als Vertreter für „Big-Madeiras“ einer Holzfirma, die besonders nach Deutschland exportiert und für jeden Baum den sie fällt, zwei neue pflanzt.

An der Autobahn finden sich oft einfach Lehmhütten. Wunderschön, da sie nur aus Naturmaterialien bestehen. Dies sind Behausungen von Bauern ohne Boden. Durch die Öffnung des Weltmarktes für brasilianische Agrarprodukte im Zuge einer Entwicklungsreform für Brasilien, um Armut zu senken, wurde die kleinbäuerliche Landwirtschaft in große Unternehmen umgewandelt, die mit moderner Spritzt- und Gentechnik bis heute die Äcker unsicher machen. Dadurch sind jedoch viel weniger Arbeiter nötig und die Massenarmut in Form der gewaltfördernden Favelas an Großstädten entstand überhaupt erst. Viele der Kleinbauern mussten ihr Land verkaufen oder es gehörte ihnen erst gar nicht und wurde den Großgrundbesitzern zugesprochen.

Hinter der Böschung die Hütten der Arbeiter ohne Boden und links deren Gemüsefelder.

Nur ein paar wenige Bauern sind geblieben oder zurückgekommen und haben sich illegal an den Ackerrändern angesiedelt und bewirtschaften unbebautes Land. MST und TST (Trabalhadores sem terra= Arbeiter ohne Boden) sind zwei dieser Organisationen welche die Rechte dieser Menschen vertreten. Doch dies gestaltet sich ausgesprochen schwer, da die moderne Agrarindustrie im Zusammenschluss mit Gentechnik- und Spritzmittelunternehmen eine sehr starke Lobbyarbeit macht. Hinzu kommt, dass fast alle Abgeordneten der Regierung und Opposition Großgrundbesitzer sind und sich mit allen Mitteln gegen eine gerechtere Landverteilung wehren.

Auch auf Seiten der Arbeiter gibt es ein Problem. Viele haben bereits keine Ahnung mehr von der Landwirtschaft, da sie aus den Favelas zurückkommen und von ihren Vätern nichts lernen konnten. In manchen Fällen spricht die Regierung den protestierenden Bauern auch Land zu, das sie bebauen, doch geschieht es nicht selten, dass die begünstigten Bauern ihr Land direkt wieder an die Großgrundbesitzer verkaufen. Meist für Spottpreise, die sie jedoch aufgrund ihrer fehlenden Bildung für recht gut halten.

Stimmen machen sich breit, die Besitzerrechte für Boden gänzlich aufzugeben und Land dem zu geben, der es am Sinnvollsten für Natur und Menschheit nutzt. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg, an dessen Ziel die roten Fahnen an Bambusstangen am Straßenrand erinnern.

Übernachtet habe ich noch in Feira de Santana beim Ex-Fußballer Hermes und seiner Tochter im Hinterland von Salvador. Auf der Reise nach Pernambuco habe ich ein Paar Schuhe und nen paar Socken durchlaufen, doch bin ich glücklich in Salvador angekommen und bin heute nachmittag bereits zum Meer gelaufen um in den meterhohen Suferwellen an einsamen Stränden zu baden.

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