Verhungerte, eingefallene Augen schauen einen eindringlich von der Werbetafel von „Brot für die Welt“ an. Jeder gute Katholik geht sofort zum Spenden. Diese Bilder waren es, weshalb ich nach Südamerika wollte, um dieses Problem persönlich kennen zulernen. Doch, was mich erwartete, war etwas ganz anderes. Eine schein heile Welt in einer strukturlosen Betonburg mit Reis und Bohnen. 

Bei Entwicklungshilfe haben viele von uns Europäern ein Bild im Kopf, welches ich auch, vor meiner Ankunft, hatte, wenn ich an mein kommendes freiwilliges soziales Jahr dachte. Arme, ausgemergelte Kinder und Frauen, die mit hungrigen Blicken aus ihrem Bretterverschlag eines Slums hervorkommen und im Müll nach essbarem Suchen, während kräftige Männer in schusssicheren Westen und UN-Blauhelmen aus einem Kleintransporter Reissäcke entladen. Überall ist Matsch, die Menschen sind kreativ und dankbar über Nägel und Bretter, aus denen sie emsig Baracken bauen. Als ich in Monte Azul ankam, war alles jedoch ganz anders. In der Beton- und Ziegelsteinhölle war das offensichtlichste Problem Fettleibigkeit und statt Bitten und Dankbarkeit stößt man auf striktes politisches Desinteresse und gemütliche Zufriedenheit kombiniert mit etwas Ignoranz gegenüber Umwelt und Menschlichkeit.

Klar, ich hatte mir etwas komplett anderes vorgestellt. Meine Quellen informierten mich, wie Monte Azul vor über 30 Jahren aussah, als Brasilien wirklich noch ein Entwicklungsland war. Inzwischen ist Brasilien ein Schwellenland meiner Ansicht nach, und da viele meiner deutschen Freunde noch das Bild haben, von Massen hungernder Menschen, die vor meiner Haustür nach etwas Reis betteln, habe ich mit diesem Bericht vor, anhand einer Armutseinteilung in fünf Kategorien genauer darzustellen, in welcher gesellschaftlichen Situation ich tätig bin.

Dieses System lässt Penner, Drogen- und Geisteskranke außer Acht, die in den Straßen leben. Obgleich dies ebenfalls ein Hinweis auf extreme Armut ist, weist es in erster Linie auf ein unwürdiges Sozial- und Gesundheitssystem hin.

Die erste Situation sind die verhungerten Kinder aus Afrika. Naturkatastrophen und wirtschaftlich unfaire Situationen bringen Menschen in unwirtlichen Gegenden und in Slums in lebensgefährliche Nahrungssituationen. Ausgezeichnet durch chronische Unterernährung, nie genug zu essen und der täglich herrschenden Angst vor dem folgenden Tag, an dem man neu suchen muss. Viele dieser Betroffenen sterben an Hunger, Durst und deren Folgen.

An diese Gruppe richten sich die UN-Millenniumsziele (s. u.), welche gerade am Scheitern sind. Meist gibt es hier auch harte Konflikte, oft gewalttätig, welche die Situation noch verschlimmern.

Gegen diese Armut wird in allen Ländern meist erfolgreich gekämpft, es sei denn, das Land befindet sich im Krieg, die Wirtschaft wird von internationalen Kräften bestimmt oder es herrschen menschenrechtsverletzende Diktaturen.

Die zweite Situation sind baufällige Baracken, bewohnt von schwer überarbeiteten Familien. Hier gibt es inzwischen genug Essen, auch wenn dafür das gesamte Gehalt ausgeben wird. Für Krankheitsfälle kann nichts gespart werden und im Alter ist man auf die Familie angewiesen, wenn man nicht verhungert. Ihre Hütten sind Baracken aus Holz und Plastikplanen, die bei starkem Regen weggespült werden und bei Wind einbrechen. Es wird eher gehaust als gelebt, doch die Gefahr zu verhungern droht nur Kranken.

Oft entstehen unter diesen Umständen Kriminalität und Drogenhandel, um der kranken Mutter eine Operation zu ermöglichen oder ein wärmeres Haus für die Neugeborenen zu bauen. Viele von ihnen leben vom Betteln und Müllsammeln, da sie keine Aussichten auf einen Job haben. Sorgen werden wenn möglich im Alkohol ertränkt.

Diese Armut habe ich hauptsächlich durch meine Tätigkeit für die Organisation „Um teto para meu pais“ (ein Dach für mein Land) kennengelernt, die diesen Menschen wetterfeste Behausungen zu Verfügung stellt.

Eine Familie in ihrer Bretterhütte. Auf dem Lehmboden liegt ein Teppich, die Holzwände sind mit Tüchern geschmückt. Es gibt ein Waschbecken und hinter einem Vorhang ein Klo.

Die dritte Situation beruht auf kultureller Armut und Bildungsnotstand. Die Häuser sind sicher zum Leben, meist schon aus Stein. Die Grundversorgung ist mit billigem, aber ausreichend, Essen gesichert. Kinder gehen meist in die Schule und die Familie hat ein Mindestlohn zur Verfügung. 46 Mio. der 200 Mio. Brasilianer leben nach aktuellen Angaben, auf der Basis eines Mindestlohnes. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber je nach „Ghetto“ gehören Harz-IV-Empfänger aus Deutschland auch dazu.

Hier gibt es viele Übergewichtige und es fehlt an Bildung und Kultur. Nahezu alle Familien sind getrennt und die Kinder genießen eine sehr Freie oder gar keine Erziehung. Kindesmissbrauch ist in manchen Fällen recht extrem und ein verstecktes, jedoch nahezu akzeptiertes Anzeichen, von fehlenden kulturellen Strukturen.

In diesem Bereich ist Monte Azul tätig. Viele nennen dies schon gar keine Entwicklungsarbeit mehr, da materiell das Nötige vorhanden ist. Essen, Häuser und grundlegende Schulbildung sind hier normal. Durch das staatliche kostenlose Gesundheitssystem ist selbst dafür gesorgt, wenn auch nicht langfristig. In der Favela Monte Azul ist durch die Arbeit unserer Organisation jedoch ein kulturell und gesundheitlich würdiges Leben möglich.

Es fehlt jedoch an Berufschance für Jugendliche. Fernsehen, Radio und Computerspiele ziehen die perspektivlosen Jugendlichen in ihren Bann und Alkohol und Drogen sind allzuleicht zu beschaffen.

Die vierte Situation ist das untere Mittelstandsleben in Brasilien. Hier gibt es bereits Geld für Kultur. Die Menschen haben auch grundsätzliches Wissen über Politik und ziehen es in Betracht zu studieren. In einem solchen Vorort wohne ich. Alle Häuser sind zwar unverputzt und die Straßen sind dreckig. Doch drinnen gibt es Sofas, Betten und es sind aufgeräumt und schöne Wohnungen.

Geld für Waldorfschulen und dergleichen gibt es immer noch nicht, doch Aussichten auf einen Job und ein besseres Leben. Fast jeder dieser Schicht in Brasilien ist ein überzeugter Christ. In Brasilien leben gut 50 % in dieser Mittelschicht.

Die fünfte Situation entspricht unserer in Europa. Eine große Wohnung, in der jeder sein Zimmer hat. Höflichkeit und Anstand sind bekannte Begriffe und meist hat man immer genug Geld, um sich das Wichtigste zu leiste. Leider ist diese Situation nicht möglich für alle Menschen auf der Erde.

Für die Entwicklung in Brasilien haben nicht nur Menschen wie Ute Craemer und Organisationen wie Monte Azul viel beigetragen, sonder auch Ex-Präsident Lula. In seiner Amtszeit wurde die Mittelschicht zur größten Kaufkraft und ist damit ins Interesse der Industrie gerückt. Während zur Jahrhundertwende Nahrungssicherheit und Arbeiterrechte die größte Rolle spielten, so sind es inzwischen Gesundheit und Bildung.

Viele sehen Brasilien bereits als 8. größte Wirtschaftsmacht, besonders wegen des landwirtschaftlichen Sektors, der auf eine radikal spritz- und gentechnikbasierte Agrotechnik bereits den größten Exportbereich Brasiliens darstellt.

Weiteres:

UN-Millenniumszeile: http://womblog.de/2011/05/20/und-dilma-kann-es-auch-zwischenbilanz-nach-100-tagen-im-hchsten-staatsamt-brasiliens/

Bilanz zu Beginn der neuen Präsidentin Dilma: http://www.bmz.de/de/service/infothek/buerger/BMZUeberblick/Millenniums_Entwicklungsziele_Bericht_2009.pdf

http://www.un-kampagne.de/

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