Lustiger Cellounterricht, nette Teenies im Hort und spannende Jugendfreizeiten. Diese Erinnerungen schießen mir, gemischt mit vielen Gefühlen, durch den Kopf, wenn ich an das vergangene Jahr zurückdenke. Dabei bin ich noch gar nicht richtig angekommen und werde sicherlich noch viel Zeit brauchen, um dieses „weltwärts“-Jahr richtig zu verarbeiten, das mir in Brasilien noch viel zu leichtfertig vorkam, als dass ich mir viele Gedanken darüber machen könnte.

Vorort Monte Azul mit Blick auf das Stadtzentrum.

Das (Ein-)leben in Brasilien verlief scheinbar problemlos. Klar konnte ich am Anfang fast kein Wort Portugiesisch, was die Sache jedoch lediglich etwas abenteuerlicher erscheinen ließ, denn Kinder und Mitarbeiter von Monte Azul schienen endlos Zeit zu haben, um etwas zu erklären. Dadurch kam ich mir aber auch hin und wieder etwas ignorant und fehl am Platz vor und hätte mir gewünscht, schon viel besser sprechen zu können.

Anfangs fühlte ich mich in der großen Stadt São Paulo, mit den vielen gequetschten und überfüllten Favelas nicht sehr wohl. Ich war bis dahin immer ein Mensch der Natur. Außerdem fehlte mir der Winter, die Zeit zum Nachdenken und Entspannen. Aufgrund der lockeren Art der Brasilianer, die jeden gleich auf Anhieb umarmen, glaubte ich keine tiefen Freundschaften finden zu können. Stattdessen wurden die Menschen des tropischen Landes gen Weihnachten hin immer lebhafter. Doch ich gewöhnte mich zunächst daran, dann lernte ich es lieben, und jetzt vermisse ich es. Mein Honeymoon vom ersten Tag an endete erst hier in Deutschland – leider sehr abrupt.

Das neue Kindergartengebäude in leuchtenden Farben.

Meine Tätigkeiten lagen in drei Bereichen, die mich allesamt sehr erfüllt haben. Vormittags war ich Hortner, gemeinsam mit einer noch recht unerfahrenen Erzieherin, für Kinder zwischen 11 und 15 Jahren. In diese Gruppe bin ich sehr schnell hineingewachsen, auch wenn ich durch meine neue Rolle als Erzieher mit manchen Kindern unerwartete Schwierigkeiten bekam. Hier lagen meine Aufgaben besonders in dem gemeinsamen Singen mit Gitarre und das Unterrichten der typischen Fächer aus meiner Waldorfschulzeit, wie Handarbeiten, Formenzeichnen und Malen. Doch ebenso erkenne ich rückblickend meine Aufgabe darin, mit der neuen Erzieherin gemeinsam den besten Weg zu finden für die richtige Erziehung der Kinder.

Zum Abschluss meines Jahres in Monte Azul konnte ich mit der Hilfe anderer Freiwilliger eine Jugendfreizeit organisieren, wodurch meine Kinder endlich einmal raus aus der engen, dreckigen Stadt kamen und den atlantischen Regenwald sahen. Es war sehr aufregend, besonders für die Erzieherin, doch zum Schluss sagte sie selbst, sie würde es jederzeit gerne wieder machen.

Die Favela Monte Azul

Nachmittags arbeitete ich, prinzipiell in ganz eigener und freier Leitung, als Cellolehrer. Mit 10 Schülern, von absoluten Anfängern bis zu (sehr wenigen) Fortgeschrittenen. Ganz besonders war diese Arbeit aufgrund des Orchesters und der tollen Orchesterfreizeit mit der Projektleiterin.

Nachts zur Dämmerung spielte ich mit den Favelakindern in der Favela. Meist waren es einfache Spiele mit kleinen Kindergruppen, da für größere Aktionen in der freien Favela der Rahmen fehlte, um sie zu erklären und zu leiten. Diese Aufgabe war besonders interessant, weil man den Alltag der Favelabewohner, der sich größtenteils in der Favela abspielte, kennenlernte und auch zu den Kindern nach Hause kam. Ich hatte auch die Möglichkeit, recht erfolgreich Tischtennistraining zu geben. Durch die mitgebrachte Ausrüstung meines Heimvereins und der Zusammenarbeit mit einer Schule war dies recht professionell.

Monte Azul ist tätig in sämtlichen Bereichen des menschlichen Lebens.

Die soziale Einrichtung Monte Azul ist heute mit Gesundheitsversorgung, Bildung, Erziehung und Landwirtschaft, in allen Bereichen des menschlichen Lebens tätig. Doch ich konnte Monte Azul zunächst nicht ganz verstehen. Das lag dabei gar nicht einmal daran, dass es knapp 2000 Mitarbeiter gibt und 3 Favelas zum Projekt gehören, sowie 14 Gesundheitsposten in der ganzen Südzone São Paulos. Für mich war einfach unverständlich, was Monte Azul mit den Kindergärten, Kinder- und Jugendbildungsstätten erreichen möchte und besonders, worin hierbei die Entwicklungsarbeit lag. Materiell ist in den Favelas bereits alles vorhanden. Zivilisationsbedingt sind dort sogar Plasmabildschirme und Kühlschränke größtenteils doppelt so groß als in Deutschland.

Doch auch dies wurde mir während des ganzen Jahrs klarer, in dem ich die Verhältnisse, insbesondere sozialer Art, immer besser kennenlernte. In meiner Hortgruppe, beim abendlichen Spielen mit den Favelakindern und im Cellounterricht lernte ich die Sprösslinge kennen, die hinter den Fassaden der Favela wohnen, jedes Kind mit einem ganz unterschiedlichen familiären Hintergrund, anderem Charakter und anderen Talenten. Die meisten Familien sind kaputt. Manche Kinder sind hoch nervös, andere unkonzentriert doch viele auch nervenstarke, selbstständige Kinder und Jugendliche, von denen ich einfach begeistert war. Und mehr und mehr verstand ich, dass dies ein Verdienst der Arbeit von Monte Azul sein könnte.

Meine Hortgruppe auf dem Abschiedsausflug.

Wirklich verstehen konnte ich Monte Azul erst, als ich den Begriff der sozialen Skulptur kennenlernte. Monte Azul ist ein solcher Ort, wo jeder Mensch, ob Mitarbeiter, Schüler oder Freiwilliger an der Skulptur formt und somit das soziale Umfeld, die Kultur und schlussendlich die Lebensbedingung verändert. Jeder Mensch ist ein Künstler! Heute glaube ich, dass diese Art der Freiheit im Zusammenleben die Lösung ist, für dauerhaft bessere Lebensbedingungen. So gestaltete sich mein „weltwärts“-Jahr, indem ich mich in Monte Azul mit meinen Fähigkeiten einbrachte, die besonders im Bereich der Jugendgruppenleitung und des Musikunterrichts lagen und gleichzeitig viel menschliche Wärme, Lockerheit und Ideenreichtum mitnehmen konnte. Ich habe noch nie so viel über Menschen, Kulturen und Erziehung nachgedacht wie in diesem Jahr.

Kinder spielen auf einem alten Auto vor einer Favela.

Ein besonderer Aspekt war für mich in diesem Jahr das Zusammenleben mit so vielen deutschen und internationalen Freiwilligen. Fast täglich traf ich auf neue Weltverbesserer und es war nicht nur schön zusammenzuleben, sondern es ließ sich auch viel erreichen. Ich bin froh, ein Jahr lang Freiwilliger in Brasilien gewesen zu sein!

Das Orchester von Monte Azul, in dem ich mitspielte.

Von Monte Azul habe ich gelernt, Brücken zu bauen, Menschen zu verstehen, zu akzeptieren und zu bewundern – nicht aufgrund der erbrachten Leistungen, sondern aufgrund der Menschlichkeit. Auch in den Favelas unter Drogenhändlern, Straßenkindern und Räubern bin ich auf keinen bösen Menschen gestoßen. Das richtige Verstehen von Anderen sehe ich somit auch als Zukunft für unser Land, das derzeit nicht nur durch Immigranten ebenfalls eine gute Portion der Liebe und Kontaktfreundschaft erhaschen könnte. Unsere Welt wächst zusammen und in Monte Azul habe ich gesehen, wie wir das positiv gestalten können.

Allen weiteren Freiwilligen wünsche ich viel Spaß und gute Ideen!

Programm: weltwärts (Aus Mitteln der GIZ)
Entsendeorganisation: Die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners
Dienststelle: Monte Azul

Spenden an Monte Azul:

Kontoinhaber: Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe
Bei der: GLS Bank Bochum
Konto-Nr.: 123 300 10
BLZ: 430 609 67
Verwendungszweck: Monte Azul, F308

Monte Azul und Brasilien

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