Überall in São Paulo glitzern die Weihnachtsbäume, blinken die Weihnachtssterne und klettern die Weihnachtsmänner in der heißen Sommersonne die Hauswände hoch. Bu’ú, mein indianischer Freund hier aus Monte Azul, hat mich mit vier anderen Freiwilligen eingeladen, seine Familie im brasilianischen Regenwald nahe der Columbianischen Grenze zu besuchen. Dorthin, wo Weihnacht nicht schon seit knappen 2000 Jahren gefeiert wird, sondern erst seit Zeiten der Missionierung. Dort, wo er geboren wurde. Tsubasa und Kenta, zwei Japaner – ein Brasilianer namens Newton – dazu wir zwei Deutsche, Chiara und ich, – mit einem Indio sind ein nettes sechsköpfiges Reisetrüppchen für diese Expedition im Amazonas.

Diashow zum ersten Tag in Manaus

Wir, unsere Reisegruppe auf einer einsamen Insel im Rio Negro: Chiara (DE), Tsubasa (Japan), Newton (Brasilien), Kenta (Japan) und Bu’ú (Indio, aufgewachsen im Regenwald). Links oben ich als Fotograf.

Wir, unsere Reisegruppe auf einer einsamen Insel im Rio Negro: Chiara (DE), Tsubasa (Japan), Newton (Brasilien), Kenta (Japan) und Bu’ú (Indio, aufgewachsen im Regenwald). Links oben ich als Fotograf.

Eigentlich begann unsere Reise bereits in der Nacht vor dem 23. Dezember, denn um den Flug am frühen Morgen nicht zu verpassen brachen Chiara und ich direkt von einer Festa auf zum Flughafen. In der klimatisierten Abflughalle schliefen wir recht unbequem in frierender Kauerhaltung auf unseren Rucksäcken.

Im Morgennebel beim Check-in war Chiaras kleiner und mein großer Rucksack noch sehr leicht. Nur das Bodenfach war mit Ersatzklamotten voll. Hängematten und Moskitonetze werden wir erst in Manaus kaufen und viel mehr brauchen wir im Regenwald gar nicht. Als Vorbereitung hatten wir lediglich eine Gelbfiberimpfung erhalten und Complexo B gekauft, Tabletten, die beim Einnehmen den Körpergeruch verändern und so Mücken abschrecken sollen. (Im Endeffekt hat es keine Wirkung gezeigt). Diese Vorbereitungen sollen das Malariarisiko senken, die typische Tropenkrankheit.

Hoch über den Wolken und über Brasilien.

Hoch über den Wolken und über Brasilien.

Gerade, als wir unsere Flugtickets erhalten hatten, flogen die Türen auf, Kamerateams schwirrten umher und die streikenden Flughafenmitarbeiter stürmten die Abflughalle. Unser gefürchteter Flughafenstreik hat begonnen, doch die Tickets fest in der Hand, waren wir schon auf zum Flieger. Über die Hauptstadt Brasilia flogen wir im Morgenlicht quer über Brasilien zum internationalen Flughafen in Manaus, wo uns Bu’ú, mit seiner Schwester und einer Indianerin eines anderen Stammes bereits, erwartet.

Bu’ú ganz links, ganz rechts seine Schwester Imaculada, bei der wir wohnten und in der Mitte eine Indianerin eines anderen Stammes, weiter unten am Amazonas.

Bu’ú ganz links, ganz rechts seine Schwester Imaculada, bei der wir wohnten und in der Mitte eine Indianerin eines anderen Stammes, weiter unten am Amazonas.

Auf den Monitoren am Flughafen von Manaus sehen wir wunderschön glänzende Bilder vom Regenwald und von Indianern. Turismo Nativo macht dort Werbung für Urwaldabenteuer. Wir staunen nicht schlecht, als wir nach genauem Hinschauen unseren Freund Bu’ú erkennen, wie er einem anderen Indianer ein indianisches Muster auf den Arm malt.

Werbevideo „native Turism“ mit Bu’ú, wie er ein Armmuster malt.

Wie ein Faustschlag kommt die Hitze und kein Windhauch regt sich, die Wasserflasche in meiner Hand beschlägt und in der grünen warmen Teichbrühe vor dem schwach abgesicherten Flughafen schwimmen Schildkröten, so groß wie Autoreifen. Der wirkliche Kulturschock kommt erst, wenn man den klimatisierten Flughafen verlässt! Dafür aber richtig. Mir läuft die Suppe.

Ein grüne Teich voll von Schildkröten mit Autoreifendurchmesser. Die dicken Panzertiere sind hier geschützt, sonst wären sie von den Indianern schon längst verspeist.

Ein grüne Teich voll von Schildkröten mit Autoreifendurchmesser. Die dicken Panzertiere sind hier geschützt, sonst wären sie von den Indianern schon längst verspeist.

Für 3 Reais nehmen wir den klimatisierten Bus ins Stadtzentrum. Ansonsten nehmen wir die größeren, unklimatisierten und oft überfüllten Busse für 2,50, für die es eine Chipkarte gibt, wodurch man Buswechseln kann, ohne neu zu bezahlen.

Im Stadtzentrum von Manaus angekommen, rennt Bu’ú ganz schön schnell durch die sonst eher träge tropenstadt. Mit unseren Rucksäcken müssen wir ganz schön in die Wanderschuhe treten um zwischen den Bananen, Melonen und Fischbergen hindurchzukommen, doch uns allen gefällt die Racetour durch das genauso belebte wie verratze Stadtzentrum. Wir suchen Hängematten und staunen über die Händler, die ihre schweren Mangowägen die Straßen hochschieben, genauso wie über Straßenkinder, Indios und sonstige motivierte Verkäufer, die Uhren, Halsketten und illegale Filme möglichst teuer an Touristen verhökern wollen. Wir sind das perfekte Zielobjekt für diese Gruppe, denn unsere aufgerissenen Augen und offenstehenden Münder signalisieren nicht gerade, dass wir so etwas täglich sehen würden.

Im Stadtzentrum von Manaus drängeln sich nicht nur Mangowägen, Bananenstauden und sonstiges Obst an die Straßenränder und in die Markthallen, sondern auch Straßenverkäufer, Schuhflicker und Straßenmusiker vom Stamme der Inkas, beleben das Stadtbild.

Im Stadtzentrum von Manaus drängeln sich nicht nur Mangowägen, Bananenstauden und sonstiges Obst an die Straßenränder und in die Markthallen, sondern auch Straßenverkäufer, Schuhflicker und Straßenmusiker vom Stamme der Inkas, beleben das Stadtbild.

Unten am Hafen zum Rio Negro, dessen gegenüberliegendes Ufer im Dunst versinkt, tragen Indianer in Eilschritten Kisten, Bier und Fische auf und von den Booten. Es ist ein eiliges Treiben auf den kaum schulterbreiten, geländerlosen Brettern und Stegen. Abgesehen von ein paar selbsternannten Touriguides, die einem in brüchigem Englisch oder Spanisch anquatschen, werden wir hier als Reisende noch gänzlich ignoriert und aus dem Weg gerempelt, wenn ein meterhoher schwankender Stapel aus Reispackungen den dünnen Steg zu den Booten hochgerannt kommt.

Das wilde Treiben am Hafen. Alle die Helden der Schöpfer und ihre schwere Last.

Das wilde Treiben am Hafen. Alle die Helden der Schöpfer und ihre schwere Last.

Zurück vom schnellen Treiben des kleinen Hafens in die Fischhalle. Unklimatisiert und kaum gelüftet gären hier Fische und Fleisch auf den breiten Tischen, beleuchtet vom grellen Licht der nackten Glühbirnen.

Der Fischmarkt in der großen Halle am Hafen.

Der Fischmarkt in der großen Halle am Hafen.

Die schwüle, dicke Luft ist voll von altem Fischgeruch und stehendem Schweiß und die Fliegen schwirren. Ich muss zunächst mehrmals Schlucken. In Brasilien wird von Wasser bis Bier, alles gekühlt verkauft, außer Fisch und Fleisch. Daneben stehen die strammen Händler, der Schweiß tropft vom Doppelkinn und die hängenden Bäuche stoßen gegen die Fischschwänze, die von den übervollen Tischen ragen. Noch durch den riesigen (und einzigen) Gemüsemarkt in Manaus und raus aus dem Gedränge, die Platzangst treibt mich in die Frisch Luft.

Auch wenn Indianer sich grundsätzlich von Fisch und Mandiokamehl ernähren und kaum Gemüse essen, hat der Markt eine große Gemüseabteilung. Mit Gemüse teils aus dem Süden des Landes.

Auch wenn Indianer sich grundsätzlich von Fisch und Mandiokamehl ernähren und kaum Gemüse essen, hat der Markt eine große Gemüseabteilung. Mit Gemüse teils aus dem Süden des Landes.

Es gibt hier praktisch keinen weißen am Hafen oder auf den Märkten. Ausnahmen sind, wenn die großen Touriboote aus dem Atlantik am großen Hafen andocken und ihre Fahrgäste Gassi gehenlassen. Dann wimmelt es dort plötzlich von Zipphosen und Kameras, bis das Treiben abebbt und die Lastenträger in Badehosen mit ihren braun gebrannten Armen zurückbleiben.

Es fängt gerade an zuregnen. Dann schüttet es plötzlich wie aus Eimern. Von den Dächern fließen Bäche, die an den Straßenrändern zu Flüssen werden. Doch die Männer laden weiter ihr Obst von den Lastwägen.

Trotz Regen werden die Melonen weiter entladen. Der Regenguss gibt eine angenehme Erfrischung, macht es aber nicht kälter.

Trotz Regen werden die Melonen weiter entladen. Der Regenguss gibt eine angenehme Erfrischung, macht es aber nicht kälter.

Für meine Kameraausrüstung im Rucksack habe ich glücklicherweise bereits einen Wassersack, denn auch wir stapfen ebenfalls einfach durch den warmen Regen und die Sturzbäche am Straßenrand.

Weil die Busstände zu voll sind, setzten wir uns zunächst in eine Baar. Gefühlsmäßig scheint es hier im Amazonas noch mehr Bier zu geben, als Wasser. Im Eis gekühlt wird hier eimerweise Bier serviert. In Manaus bestellt kaum einer ein einzelnes Bier. Hier, wo es niemals kälter als 20° C wird, trinken die Indios das kühle Nass in raueren Mengen als in São Paulo. Hier gibt es zwar Brauereien, aber es ist schon faszinierend, wie viel Cola, Erfrischungsgetränke und Lebensmittel über Schiffe in die teuere Stadt kommen.

7 Uhr macht Gott hier das Licht aus. Dämmerung? Fehlanzeige. Das Haus von Bu’ús Schwester ist in einer Favela der nördlichen Peripherie. 2 Familien und die Urgroßmutter teilen sich 3 Zimmer ein Bad und eine Küche. Wir bekommen das schönste Zimmer, wo normalerweise die Urgroßmutter, ein rüstiges Tantchen von 80 Jahren, schläft, die sich einfach in die Hängematte legt.

Das kleine aber volle Haus von Bu’ús Schwester in einer Favela der nördlichen Vororte.

Das kleine aber volle Haus von Bu’ús Schwester in einer Favela der nördlichen Vororte.

Reis, Bohnen, Hühnchen wie in ganz Brasilien gibt es zum Abendbrot und nur eine sehr scharfe Fischsoße mit dem Farinha (dem groben, gelben Mandiokaschrot) erinnert uns daran, dass wir diese Nacht mit Indianern des Stammes der Tuyuka verbringen werden.

Morgen, in der Abenddämmerung wollen wir bereits das Boot in den Urwald und  nehmen und Wir träumen davon, in seinem Indianerdorf einfach miterleben zu können, wie das Leben dort heutzutage, mit wissen der Zivilisation, doch außerhalb deren Reichweite, funktioniert.

Bu’ú mit seiner 80 Jährigen Großmutter, beide vom Stamme der Tuyuka.

Bu’ú mit seiner 80 Jährigen Großmutter, beide vom Stamme der Tuyuka.

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